KI-Unternehmen vernichten Bücher für KI-Trainingsdaten
Seit Anfang 2024 beobachten Antiquare in den USA, Europa und Asien ein ungewöhnliches Phänomen: Massive Wochenaufträge von anonymen Käufern, die Bücher ausschließlich nach ISBN listen, ohne Nachfrage nach Zustand oder Preis. Wie Enthüllungen um Anthropics geheimes Projekt Panama aufzeigten, stammen diese Käufe von KI-Unternehmen, die physische Bücher systematisch erwerben, scannen und anschließend zerstören. Der Hintergrund ist eine anhaltende Datenkrise im KI-Sektor. Da das Internet zunehmend von KI-generierten Texten überflutet wird, droht ein Modellkollaps durch sich selbst trainierende Algorithmen. Unverfälschte, vor 2022 publizierte Bücher gelten seither als letzte Quelle hochwertiger, menschlich verfasster Trainingsdaten. Das Projekt, geleitet vom ehemaligen Google-Books-Manager Tom Turvey und initiiert nach der legalen Problematik früherer Schattenbibliothek-Nutzungen, sieht vor, innerhalb von sechs Monaten bis zu zwei Millionen Bücher durch Hochleistungsscanner zu digitalisieren. Die Papiere werden im Anschluss der Wiederverwertung zugeführt, digitale Kopien bleiben ausschließlich intern. Rechtsstreitigkeiten haben diese Praxis gestützt: US-Richter stufen das Scannen legal erworbener Werke zur KI-Trainingszwecken als transformative Fair-Use-Nutzung ein. Eine vernichtende Zerstörung der Originale werde dabei sogar begünstigt, da sie den Anspruch untermauere, die digitalen Kopien ersetzten physische Exemplare vollständig. Anthropic begleitete dies mit einer 1,5-Milliarden-Dollar-Sühne für frühere Urheberrechtsverletzungen, was etwa drei Prozent des jährlichen Umsatzes entspricht. Eine komplexe, aber durchsichtige Lieferkette hat sich etabliert. Plattformen wie ISBNdb agieren als Vermittler und garantieren strikte Anonymität gegenüber den eigentlichen KI-Kunden wie 2077AI oder Zoom Books. Obwohl die Praxis rechtlich abgesichert ist, löst sie breite ethische Bedenken aus. Kritiker verweisen auf das Machtgefälle zwischen Tech-Konzernen und kreativen Schaffenden sowie auf inkonsistente Standards beim Umgang mit geistigem Eigentum. Gleichzeitig warnt die Branche vor einer Illusion der Lösbarkeit: Die weltweite Buchproduktion deckt bei weitem nicht den künftigen Datenbedarf von Sprachmodellen, der bereits bei hundert Billionen Tokens liegt. Während Antiquare die wirtschaftlichen Vorteile des Absatzes nicht von der Hand weisen, dominiert ein Gefühl des kulturellen Verlusts. Der Übergang von der Buchhandlung zur Papiermühle markiert einen Wendepunkt im Spannungsfeld zwischen technologischem Fortschritt und dem Erhalt menschlichen Wissens. Bis auf Weiteres bleiben die echten Auftraggeber hinter den anonymen Handelsplattformen verborgen, doch die Schiene ist bereits gelegt: KI-Training wird zunehmend auf Kosten physischer Kulturgüter skalieren.
