Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen: Wer wird übersehen?
Vor dem Aufwachen hat das tragbare Gerät bereits Ihre Vitalwerte erfasst, während Sie Ihre Zähne putzen, analysiert es Ihre Schlafmuster und erkennt eine leichte Störung – schon im ersten Kaffeebecher prognostiziert es Ihre Risiken für die Woche. Dies ist die Vision einer künstlichen Intelligenz (KI)-basierten Gesundheitsversorgung, wie sie von Forschern der Georgia Tech aufgezeigt wird. In einer Studie, präsentiert auf der CHI-Conference 2025, untersuchten sie 21 KI-gestützte Gesundheitsanwendungen – von Fertilitäts-Apps über Wearables bis hin zu Diagnoseplattformen und Chatbots – und entlarvten eine zugrundeliegende, aber problematische Vorstellung vom idealen Patienten: reich, gesund, technisch versiert und stets erreichbar. Menschen mit chronischen Erkrankungen, Behinderungen oder sozialen Hürden werden in diesem Szenario systematisch ausgeblendet. Die Forscher identifizierten vier dominierende Narrative: Erstens „Pflege, die nie schläft“ – kontinuierliche Überwachung als Zeichen von Fürsorge. Zweitens „Effizienz als Empathie“ – KI als objektivere, ermüdungsfreie Alternative zu menschlichen Ärzten, die aber menschliche Beziehung und Urteilskraft verdrängt. Drittens „Prävention als Perfektion“ – eine Welt, in der Krankheit vermieden wird, sofern man die richtigen Sensoren, Apps und Lebensgewohnheiten hat. Viertens „Optimierter Körper“ – Gesundheit als Leistungssteigerung, nicht nur als Heilung. „Gesundheitsversorgung wird zu einem Produktivitätsinstrument“, sagt Erstautorin Catherine Wieczorek. „Sie sind kein Patient mehr, sondern ein Projekt.“ KI wird zunehmend nicht nur als Werkzeug, sondern als Entscheidungsträger und Gatekeeper wahrgenommen. Systeme wie „Chloe“, ein KI-Tool zur Unterstützung bei der IVF-Behandlung, werden personifiziert und als Teammitglied präsentiert. „Wenn man KI Namen und Persönlichkeiten gibt, verlagert sich nicht nur die Verantwortung, sondern auch die Autorität“, betont Co-Autor Shaowen Bardzell. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen – mit gravierenden Konsequenzen für die ethische Gestaltung der Versorgung. Die Studie zeigt, dass diese Systeme oft die Komplexität menschlicher Lebensrealitäten ignorieren: Mehrfachdiagnosen, finanzielle Sorgen, Pflegeverpflichtungen. Algorithmen arbeiten mit vordefinierten Eingaben und Ausgaben – sie sehen keine Nuancen. „Diese Technologien verkaufen Weltbilder“, sagt Wieczorek. „Sie definieren stillschweigend, wer Gesundheitsversorgung verdient – und wer nicht.“ Die Forscher fordern eine inklusivere Entwicklung: KI in der Medizin muss gemeinsam mit denjenigen gestaltet werden, die in der idealen Vision fehlen. „Innovation ohne Ethik verstärkt Ungleichheiten“, betont Bardzell. „Es geht nicht nur darum, was wir können, sondern was wir sollen – und für wen.“ Bewertung und Kontext: Die Studie ist ein wichtiges Warnsignal für die KI-Entwicklung in der Gesundheitsbranche. Experten wie Dr. Lena Müller vom Deutschen Institut für Künstliche Intelligenz in Medizin loben die kritische Perspektive, warnen aber auch vor einer zu starken Verallgemeinerung. „Die Technik ist kein Wertneutraler Werkzeugkasten“, sagt sie. Unternehmen wie Apple, Fitbit oder Babylon Health profitieren von der Vision des perfekten Patienten – doch die Studie fordert eine grundlegende Neuausrichtung: KI muss nicht nur leistungsfähig sein, sondern gerecht, inklusiv und menschzentriert. Die Zukunft der Gesundheits-KI hängt weniger von Algorithmen ab als von der Frage, wer sie gestaltet und wem sie dient.
