Emissionssenkungen bremsen Eisschwund und Meeresspiegelanstieg
Eine internationale Forschergruppe, zu der die Klimawissenschaftler Robert Kopp von der Rutgers University und Yucheng Lin von der City University of Hong Kong gehören, hat in der Fachzeitschrift Nature Geoscience eine Studie vorgelegt, die den direkten Zusammenhang zwischen heutigen Treibhausgasemissionen und dem antarktischen Eisverlust im 21. Jahrhundert aufzeigt. Die Ergebnisse belegen, dass politische und industrielle Entscheidungen in den kommenden Jahren maßgeblich bestimmen werden, wie stark die antarktischen Gletscher abschmelzen und welchen Beitrag dies zum globalen Meeresspiegelanstieg bis zum Jahr 2100 leisten wird. Der Forschungsschwerpunkt liegt auf der Funktionsweise der eisigen Schelfe, die als natürliche Bremsen für die landeinwärts gelegenen Gletscher wirken. Durch die Erderwärmung dringt warmes Meerwasser unter diese Schelfe, schmilzt sie von unten und destabilisiert so das gesamte Eissystem. Zerfallen die schützenden Eisschilde, beschleunigt sich der Fluss des Inlandeises ins Meer erheblich. Um diese komplexen Wechselwirkungen zu modellieren, wandten die Wissenschaftler machine-learning-Algorithmen an, die auf vorhandenen Klimasimulationen basierten und mit Satellitendaten aus den Jahren 2002 bis 2021 abgeglichen wurden. Dieser Ansatz reduzierte bisherige Unsicherheitsbandbreiten erheblich und erhöhte die Aussagekraft der Projektionen. Unter dem ambitioniertesten Emissionsszenario, das auf den Zielen des Pariser Abkommens basiert, liegt die Wahrscheinlichkeit bei über 89 Prozent, dass der antarktische Eisverlust bis zum Jahrhundertende deutlich geringer ausfällt als unter einem Hoch-Emissions-Szenario. Dennoch bleibt das Risiko unverändert hoch: Selbst bei einem raschen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und erreichter Klimaneutralität um 2050 besteht mit mindestens 92 Prozent Wahrscheinlichkeit ein weiterhin netto negativer Eisbilanz für die Antarktis. Das Trägheitssystem des Kontinents sorgt dafür, dass emittiertes CO2 über Jahrhunderte nachwirkt. Für das extremste Emissionsszenario schätzen die Forscher einen mittleren antarktischen Beitrag zum Meeresspiegelanstieg von etwa 15 Zentimetern, mit einer oberen Projektionsgrenze von bis zu 25 Zentimetern allein aus der Antarktis. Dieser Wert schließt das Abschmelzen Grönlands, von Gebirgsgletschern sowie die thermische Ausdehnung des Meerwassers aus. Der zusätzliche Niederschlag in einem wärmeren Klima wird den Eisverlust nicht kompensieren können. Die Analyse identifiziert zudem drei zentrale Unsicherheitsfaktoren für künftige Modelle: die Schmelzraten der Schelfe durch warmes Ozeanwasser, die Reibungsverhältnisse des Eises am Untergrund sowie die regionale Erwärmung von Atmosphäre und Ozean rund um die Antarktis. Da Klimamodelle nicht jede Detailkomponente vollständig abbilden können, bleiben extreme Kipppunkte theoretisch möglich. Dennoch betont Robert Kopp, dass Küstengemeinden heute bereits Infrastrukturen planen müssen, die über Generationen Bestand haben werden. Präzise Projektionen ermöglichen es den Behörden, Anpassungsstrategien für Küstenschutz, Siedlungsentwicklung und kritische Versorgungsnetze zeitnah zu entwickeln. Der Handlungsspielraum zur Risikominimierung bleibt dabei eindeutig an die heutigen Emissionsentscheidungen gekoppelt.
