Anthropic beantragt IPO – CEO warnt vor KI-Risiko
Anthropic hat bei der US-Börsenaufsicht die Unterlagen für einen möglichen Rekord-IPO eingereicht. Der KI-Konzern aus San Francisco könnte im kommenden Monat an der Nasdaq unter dem Kürzel ANT debütieren und damit OpenAI in der Gruppe der führenden KI-Labore zuvorkommen. Der Börsengang wird auf bis zu 100 Milliarden Dollar beziffert und könnte den bisherigen Rekord übertreffen, den SpaceX im Juni mit einem Emissionserlös von 86 Milliarden Dollar markiert hatte. Auch die Bewertung könnte von zuletzt 965 Milliarden Dollar im Privatmarkt auf 1,5 Billionen Dollar oder mehr steigen. Laut dem 335-seitigen Prospekt stieg der Umsatz von Anthropic im ersten Halbjahr 2026 auf mehr als 16 Milliarden Dollar, das rund 14-Fache des Vorjahreszeitraums. Gleichzeitig verbuchte das Unternehmen hinter der KI-Assistentin Claude einen Nettoverlust von 80,7 Milliarden Dollar, nach 13 Milliarden Dollar im Vorjahr; nach Bereinigung von Sondereffekten sei der Verlust deutlich niedriger. Die Kapitalaufnahme gilt als wichtiger Schritt zur Finanzierung von Rechenzentren, Modellentwicklung und möglichen Zukäufen. Der Wettbewerbsdruck ist hoch: Anthropic konkurriert mit OpenAI, Google, aufstrebenden Laboren aus den USA und China sowie dem KI-Geschäft von SpaceX. Alle stehen vor enormen Kosten und möglichen Blasenrisiken. Trotz des Börsengangs warnt CEO Dario Amodei, dass fortgeschrittene KI eine existenzielle Bedrohung darstellen könnte. Im Risikokapitel des Antrags, das fast 100 Seiten umfasst, benennt Anthropic neben typischen operativen und regulatorischen Gefahren auch Szenarien wie den Einsatz der Modelle durch kriminelle Akteure zur Herstellung chemischer Waffen, autoritäre Überwachung und Kontrollverluste, die katastrophale Risiken für die Menschheit bergen könnten. Amodei hatte im September mehr Branchenkoordination und eine Verlangsamung der Entwicklung gefordert, damit Sicherheitsmaßnahmen nachziehen können. Nach seinen Worten könnte KI innerhalb von sechs bis zwölf Monaten fähig werden, digitale Angreifermassen zu steuern, die weite Teile des Internets übernehmen. Die Kontrollstruktur soll das öffentliche Interesse sichern. Die Gründer erhalten über eine Sonderaktienklasse 50,1 Prozent der Stimmrechte; Dario Amodei und seine Schwester und Präsidentin Daniela Amodei werden laut Forbes mit jeweils 15,5 Milliarden Dollar bewertet. Ein unabhängiger Long-Term Benefit Trust soll Direktoren bestellen können, damit Sicherheitsfragen nicht hinter Finanzinteressen zurücktreten. Der Prospekt weist zudem hohe Abhängigkeiten, Wettbewerbsrisiken und die Möglichkeit sinkender Investorenstimmung aus. Der Antrag fällt in eine Phase politischer Spannungen. Im Februar hatte die US-Regierung unter Präsident Donald Trump und Verteidigungsminister Pete Hegseth Anthropic als Risiko für die Lieferkette eingestuft, nachdem das Unternehmen unbegrenzte militärische Nutzung abgelehnt hatte. Anthropic klagte gegen das Pentagon wegen angeblicher Vergeltung; OpenAI einigte sich kurz danach auf eine Militärkooperation. Ein Richter in Kalifornien entschied im ersten Verfahren für Anthropic, ein Richter in Washington zugunsten der Regierung; beide Seiten gehen in Berufung. Der IPO könnte Anthropic erhebliche Mittel verschaffen, während die Branche über Sicherheit, Militärnutzung und die Folgen von KI für Arbeitsmarkt, Regulierung und öffentliche Akzeptanz weiter streitet.
