Karte zeigt verborgene globale KI-Arbeit
Eine interaktive Karte des Zentrums für technologische Verantwortung, Neugestaltung und Weiterentwicklung an der Brown University soll die meist unsichtbare menschliche Arbeit sichtbar machen, die Künstliche Intelligenz im digitalen Alltag erst ermöglicht. Die Bachelorstudentin Cunyan Ma hat dafür öffentlich zugängliche Datenbanken von Beschriftungsunternehmen, eine eigene Erhebung zu Arbeitsstandorten sowie journalistische Berichte zusammengeführt. Die kostenlos online abrufbare Karte verknüpft derzeit 13 Datenbeschriftungsfirmen, 141 Konzernkunden und 31 Länder, in denen Datenarbeiter tätig sind. Im Mittelpunkt steht die Arbeitsteilung hinter KI-Systemen, die soziale Medien durchsuchen, Fahrtrouten planen, Filmsuche erleichtern oder digitale Assistenten steuern. Damit Modelle funktionieren, müssen Menschen große Mengen an Daten prüfen: Bilder markieren, Satzbestandteile einordnen, Sprachaufnahmen transkribieren, Bewertungen von KI-Antworten abgeben oder medizinische Bildinhalte eingrenzen. Viele dieser Aufgaben sind Routinearbeit; andere sind belastend, weil Systeme erst dann gefährliche Inhalte erkennen können, wenn menschliche Prüfer sie zuvor gesehen, gelesen und als problematisch gekennzeichnet haben. Konzerne aus Technologie, Handel und Verteidigung lagern diese Leistungen häufig an Spezialfirmen aus. Diese suchen nach Angaben der Projektbeteiligten vor allem günstige Arbeitskräfte, etwa in Kenia, Indonesien, Kolumbien und anderen Ländern des Globalen Südens. Ma beschreibt das als KI-Kolonialismus: schwer durchzuführende, niedrig entlohnte Arbeit werde aus ärmeren Regionen abgerufen, während Kontrolle, Markenbildung und Gewinne überwiegend in westlichen Märkten blieben. Die Aufträge werden dabei über Zwischenhändler verteilt, wodurch die Verantwortung für Arbeitsbedingungen schwer nachvollziehbar wird. Die Karte ist bewusst nicht als vollständiges Branchenregister angelegt, sondern als Anschauungsmodell für Macht- und Lieferketten. Sie soll Forschenden, Journalisten und der Öffentlichkeit verdeutlichen, dass Algorithmen nicht losgelöst von ökonomischen und politischen Strukturen entstehen. Suresh Venkatasubramanian, Leiter des Zentrums und wissenschaftlicher Betreuer des Projekts, betont, dass hinter KI-Systemen menschliches Wissen, Urteilsvermögen und Arbeit stehe. Viele aktuelle Debatten behandelten KI jedoch, als sei sie ein eigenständiges, fast lebendes System, und verdeckten damit die soziale Grundlage ihrer Entwicklung. Das Projekt soll schrittweise ausgeweitet werden. Neben der Datenarbeit plant Ma unter anderem, weitere Materialketten wie die Halbleiterproduktion zu untersuchen. Auch für die Arbeitskräfte selbst könnte die Karte an Bedeutung gewinnen: Weil die Belegschaften über viele Standorte und Zulieferer verteilt sind, fehlt ihnen oft der Überblick über gemeinsame Interessen. Eine stärkere Vernetzung könnte daher gewerkschaftliche Organisation erleichtern. Ziel des Vorhabens ist es, nicht nur Intransparenz abzubauen, sondern langfristig auch zu einer faireren Verteilung von KI-Arbeit und den daraus entstehenden Erträgen beizutragen.
