Anthropic baut eigenes Bio-Labor für KI-Forschung
Anthropic baut seine Position im Bereich Life Sciences deutlich aus und richtet nach Informationen von Reuters ein eigenes Bio-Labor im San Francisco Bay Area ein. Der Leiter der Life-Sciences-Sparte, Eric Kauderer-Abrams, bestätigte den Schritt und erklärte, dass biologische Forschung letztlich echte Experimente benötige. Der Aufbau eigener Laborstrukturen soll Anthropic ermöglichen, Ergebnisse schneller zu prüfen und experimentelle Expertise im Haus aufzubauen. Externe Labore bleiben weiterhin Teil der Strategie. Parallel dazu veröffentlichte das Unternehmen einen frühen Forschungserfolg: Rund 950 Claude-Agenten analysierten mehr als 200.000 retrotranskriptasenbezogene Sequenzen und identifizierten dabei ein neuartiges Enzymsystem mit wiederkehrenden DNA-Sequenzmustern, die an CRISPR-Systeme erinnern. Das Team bezeichnete das System als ART, kurz array-associated reverse transcriptases. Experimente bestätigten, dass die Wiederholungssequenzen kurze RNA-Moleküle exprimieren können; ihre konkrete biologische Funktion und praktische Nutzbarkeit sind bislang jedoch unklar. Der Laboraufbau ist in eine breitere Strategie eingebettet. Anthropic positioniert Claude nicht nur als einzelnes Analysewerkzeug, sondern als koordinierende Schicht zwischen Forschungsdaten, spezialisierten Modellen, Laborsoftware und Experimentierprozessen. Im Oktober 2025 launchte Anthropic Claude for Life Sciences, das Schnittstellen zu Plattformen wie Benchling und 10x Genomics herstellt und zunehmend auch klinische sowie regulatorische Arbeitsabläufe adressiert. Mit Claude Science ergänzte das Unternehmen eine Umgebung, in der wissenschaftliche Datenbanken, Fachmodelle und Rechenkapazität zusammenlaufen. In einer Protein-Design-Studie orchestrierte Claude professionelle Tools wie RFdiffusion zur Generierung und Selektion von Kandidatenmolekülen. Die extern getesteten Ergebnisse: Von 1.320 Designs bindeten 354 die Zielproteine, was einer Trefferquote von 26,8 Prozent entsprach. Bei 14 von 15 getesteten Zielen gelang mindestens ein Bindungsnachweis. Damit unterscheidet sich Anthropic bewusst von Anbietern, die für jede Teilaufgabe eigene spezialisierte Basismodelle trainieren. Claude soll viele Berechnungen nicht selbst durchführen, sondern bestehende Modelle auswählen, kombinieren und Wissenschaftler durch komplexe Arbeitsketten führen. Ergänzend arbeitet Anthropic an infrastrukturellen Grundlagen. Mit dem HHMI Janelia Research Campus entstand der Model Hardware Standard MHS, der KI-Agenten einen einheitlichen Zugriff auf Mikroskope, Liquid Handler und Robotik in Laboren ermöglichen soll. Zudem optimierte Anthropic mehr als 30 Open-Source-Biomolekülmodelle und verbesserte ihre Laufzeit im Schnitt etwa um Faktor vier. Auch personell setzt Anthropic sichtbar auf Lebenswissenschaften. Das auf rechnergestützte Wirkstoffentwicklung spezialisierte Team von Coefficient Bio wurde übernommen; John Jumper, der an AlphaFold beteiligt war und 2024 den Nobelpreis für Chemie erhielt, wechselte zu Anthropic. Gleichzeitig werden Fachkräfte für Rechenbiologie, Experimentelle Biologie und Chemie eingestellt. Kauderer-Abrams betonte jedoch, Anthropic wolle nicht als klassische Biotech-Firma mit eigenen kommerziellen klinischen Studien auftreten. Im Fokus stünden seltene, vernachlässigte oder schwer behandelbare Erkrankungen. Der Schritt in eigene Labore markiert den Übergang von vernetzten Softwarelösungen hin zu direkter experimenteller Validierung. Für Anthropic geht es weniger darum, gesamte Pharmaketten zu kontrollieren, als darum, Claude als tragfähige Infrastruktur für die Erforschung komplexer biologischer Systeme zu etablieren.
