Netflix-Aktie fällt bei schwachen Zahlen, doch KI-Pläne begeistern
Netflixs Aktien gaben nach der Veröffentlichung der Quartalszahlen am Dienstag um 5,6 Prozent nach, obwohl die Einnahmen mit 11,51 Milliarden US-Dollar knapp unter dem Bloomberg-Schätzwert von 11,52 Milliarden lagen und die Gewinne pro Aktie bei 5,87 Dollar verblieben – deutlich unter den erwarteten 6,94 Dollar. Die Enttäuschung war nicht katastrophal, doch die Marktteilnehmer reagierten skeptisch. Gleichzeitig zeichnete sich ein deutlicher Trend ab: Während die finanziellen Ergebnisse enttäuschend waren, wurde die künftige Rolle von Künstlicher Intelligenz (KI) im Unternehmen mit großer Energie betont. In der Aktionärsbrief und im Ergebnisgespräch hoben die Co-CEO Ted Sarandos und Greg Peters die geplante Einführung generativer KI in drei zentralen Bereichen hervor: In der Inhaltsproduktion, der Verbesserung der Nutzererfahrung und im Werbebereich. Besonders auffällig war, dass Peters bereits in der 26. Minute des Calls eine Liste von sechs Herausforderungen nannte – und die Implementierung von KI als zweitwichtigste Maßnahme benannte. Der Aktionärsbrief enthält eine bemerkenswerte Einsicht: „Seit vielen Jahren werden ML und KI bereits für unsere Titelempfehlungen sowie Produktions- und Marketing-Technologien genutzt.“ Diese Aussage ist nicht übertrieben – bereits 2008 hatte Netflix mit dem „Netflix Prize“ ein weltweites Publikum dazu aufgerufen, Algorithmen zu entwickeln, die die Vorlieben der Nutzer besser vorhersagen. Heute geht es um viel mehr: Netflix testet derzeit eine „konversationelle Suche“, die Nutzern helfen soll, den perfekten Film für einen bestimmten Moment zu finden – etwa „Was ist ein Film, den ich mit meiner Mutter an ihrem 50. Geburtstag schauen kann?“ – über eine Spracheingabe auf dem Fernsehgerät. Zudem arbeitet das Unternehmen an KI-gestützten Übersetzungs- und Lokalisierungstools, um auch weniger bekannte, internationale Inhalte mit passenden Werbematerialien und Beschreibungen in der jeweiligen Sprache zu präsentieren. Besonders hervorgehoben wurde die Nutzung von KI bei der Kreativproduktion: So wurde KI-De-Aging in Happy Gilmore 2 eingesetzt, und für Billionaires’ Bunker wurden generative KI-Tools für Konzeptkunst genutzt. Was die neueste KI-Revolution, OpenAIs Sora 2, betrifft, zeigte sich Sarandos gelassen. Er betonte, dass Sora vor allem User-Generated Content (UGC) bedrohe – also Inhalte von YouTubern und Influencern – und nicht unmittelbar die professionelle Produktion von Netflix. Gleichzeitig deutete er an, dass Netflix bereits daran arbeite, Influencer von YouTube abzuwerben. Seine Aussage, dass KI allein kein guter Erzähler mache, klingt wie eine klare Absage an die Angst vor KI-Übernahme – und wirkt als Botschaft an Kreative: KI ist ein Werkzeug, kein Ersatz. „Wir sind fest davon überzeugt, dass KI uns und unsere kreativen Partner dabei helfen wird, Geschichten besser, schneller und auf neue Weise zu erzählen“, sagte Sarandos. Die Botschaft war klar: Netflix setzt auf KI, aber nicht auf KI-Substitution. In der Branche wird die Strategie als vorsichtig, aber entschlossen bewertet. Experten sehen in der KI-Integration eine notwendige Reaktion auf die technologische Welle, die von OpenAI, Google und Meta getragen wird. Netflix, das lange als KI-Abseits galt, positioniert sich nun als kreativer Pionier. Die Fokussierung auf kreative Unterstützung – nicht auf KI-Produktion – könnte den Widerstand von Künstlern und Autoren mindern. Gleichzeitig bleibt die Frage, ob die KI-Initiativen die finanziellen Defizite der letzten Quartale ausgleichen können. Die KI-Strategie ist ein klares Zeichen: Netflix will nicht nur streamen, sondern die Zukunft des Erzählens mitgestalten.
