Wissenschaftler verbrennen Papyrus zum Auslesen Antikrollen
Ein Forschungsteam um Douglas Seiler vom Berkeley SETI und Partnerinstitutionen hat einen vielversprechenden Ansatz zur digitalen Lesbarmachung der seit 79 nach Christus unter Vulkanasche verbrannten Papyri von Herculaneum entwickelt. Die im September veröffentlichten Ergebnisse im Fachjournal PLOS ONE belegen, dass durch Blei angereicherte Tinte den Kontrast bei der Röntgenschichtbildgebung um bis zum 25-fachen erhöht. Dieser Befund könnte die seit Jahren bestehende Herausforderung lösen, die zerbrechlichen, verkohlten Schriftrollen ohne physische Öffnung zu entziffern. Um die Machbarkeit im kontrollierten Rahmen zu testen, fertigten die Forscher moderne Papyrusrollen an, bedruckten sie mit traditionellen Schreibgeräten und variierten Tintenrezepturen mit unterschiedlichen Bleikonzentrationen. Anschließend wurde das Material unter sauerstoffarmen Bedingungen verkohlt, um die vulkanischen Bedingungen der Antike nachzuahmen. Die anschließende dreidimensionale Röntgenschichtbildgebung zeigte, dass bereits minimale Bleimengen die Schriftzüge als helle Konturen von der verkohlten Papyrusoberfläche abheben. Ergänzend ließ sich nachweisen, dass ein kostengünstiger, tragbarer Röntgenfluoreszenzscanner ausreicht, um Bleispuren in unbekannten Rollen schnell zu identifizieren und so gezielt Scanverfahren vorzubereiten. Die Methode gewinnt besonders vor dem Hintergrund des Vesuvius Challenges an Relevanz, die 2023 vom University-of-Kentucky-Forscher Brent Seales ins Leben gerufen wurde. Seales Team nutzte zuvor mikro-CT-Aufnahmen in Kombination mit KI-Algorithmen, um subtile Tintenreste virtuell zu entrollen. Während die frühere KI-gestützte Dekodierung auf kaum wahrnehmbaren texturlichen Unterschieden basierte, ermöglicht die gezielte Bleisuche eine deutlich robustere Datengrundlage. Die Forscher betonen, dass modellbasierte Versuche das Risiko für die wertvollen Originalrollen minimieren, während sie gleichzeitig Trainingsdaten für präzisere Entzifferungsalgorithmen liefern. Die Anwendung dieser Technologie könnte die papyrologische Forschung fundamental verändern. Die Bibliothek von Herculaneum birgt vermutlich Werke antiker Denker, deren Inhalte bis dato verloren galten. Durch die Kombination aus materialwissenschaftlicher Analyse, zerstörungsfreier Bildgebung und maschinellem Lernen entsteht ein neuer Standard für die Digitalisierung historischer Manuskripte. Erste Erfolge zeigen, dass bereits heute mit optimierten Scanparametern und KI-Modellen textliche Fragmente aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert rekonstruierbar sind. Die Erkenntnisse unterstreichen die wachsende Schnittstelle zwischen Archäometrie und moderner Sensorik. Künftige Studien sollen untersuchen, ob weitere Metalle oder organische Tintenbestandteile ähnlich starke Kontraste erzeugen und sich in automatisierte Lernverfahren integrieren lassen. Für die Wissenschaftsgemeinde markiert der Durchbruch einen wesentlichen Schritt zurück in die verlorene Literatur der Antike, bei dem Technologie den einzigen Zugang zu Texten öffnet, die vor zweieinhalbtausend Jahren im Feuer verloren gingen.
