AI verändert US-Energieberatung
Die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz verändert die US-Energiewirtschaft grundlegend und sorgt für einen Boom im Bereich der Energieberatung. Führungskräfte großer Beratungen wie The Brattle Group, Boston Consulting Group (BCG), McKinsey & Company und Wood Mackenzie berichten, dass traditionelle Annahmen über stabiles Energiewachstum überholt sind. Stattdessen sehen sie sich mit abrupten Nachfragespitzen konfrontiert, die durch den massiven Ausbau von Rechenzentren ausgelöst werden. Die USA festigen sich dabei als globales Zentrum für Datenverarbeitung. Diese Dynamik treibt das Wachstum im Sektor Energie und Ressourcen in den Beratermarkt voran. Quellen Global zufolge verzeichnete der Bereich 2025 mit 9,4 Prozent Wachstum zum schnellsten Sektor und erreichte 15,5 Milliarden US-Dollar. Für 2026 wird ein weiteres Anstieg um 11 Prozent auf 17,3 Milliarden US-Dollar erwartet. Eine zentrale Spannung entsteht durch die Diskrepanz zwischen dem schnellen Tempo des KI-Booms und den langsameren Bauzeiten für notwendige Strominfrastrukturen. Dies führt zu einem kurzfristigen Schub bei Investitionen in Erdgas, während langfristige Dekarbonisierungsziele vorübergehend in den Hintergrund rücken. Experten beobachten unterschiedliche Strategien und Perspektiven. Jamie Webster von der BCG betont, dass die Geschwindigkeit des Energieübergangs global stark variiert und Erdgas derzeit als marginale, aber notwendige Lösung für zuverlässige Stromversorgung dient. Jesse Noffsinger von McKinsey weist darauf hin, dass der US-amerikanische Anteil an der globalen Rechenleistung bis 2030 von aktuell 15 auf 45 Prozent steigen könnte. Dies zwingt die Energiebranche, sich von einem Wartungsmodus zu einem aggressiven Wachstumsmodus zu bewegen, was ihr bisher fremd ist. Sam Newell von der Brattle Group stellt fest, dass die Nachfrage nach Infrastrukturplanung seit 2024 das Fünffache des bisherigen Zehnjahreswachstums erreicht hat. Während Kernenergie eine wachsende Rolle spielt, dürften neue Kernkraftwerke frühestens um 2040 signifikant zur Versorgung beitragen. Vivian Lee von der BCG warnt davor, dass erneuerbare Energien allein die Anforderungen der KI nicht erfüllen können. Sie beobachtet einen Fokus auf Lösungen, die heute zuverlässigen Strom liefern, wie Erdgas mit Kohlenstoffabscheidung. Langfristig könne KI jedoch helfen, die Energieeffizienz zu steigern. Tom Harper von Baringa beschreibt ein Paradoxon: KI beschleunigt zwar Energieinvestitionen, erschwert aber gleichzeitig den Übergang zu sauberer Energie, da die Nachfrage nach Dekarbonisierung steigt. Globale Unsicherheiten, wie etwa Konflikte im Nahen Osten, verschärfen die Situation zusätzlich. Jason Liu, CEO von Wood Mackenzie, unterstreicht, dass Energie nun ein zentraler Faktor nationaler Wettbewerbsfähigkeit ist. Der Grundsatz hat sich gewandelt: Je mehr Strom ein Land erzeugt, desto mehr künstliche Intelligenz kann es entwickeln. Dies hat auch die Klientel erweitert, da nun Technologie- und Industrieunternehmen direkte Einblicke in Energiemärkte benötigen. Larry Abramson von PwC nennt drei Haupttreiber für die Expansion der Infrastruktur: wachsende Großverbraucher, Energiesicherheit und Diversifizierung der Quellen. Er sieht die Branche als äußerst spannend an, da die Komplexität der Aufgaben neue Karrierewege eröffnet. Dennoch bleibt die Spannung zwischen kurzfristigen Investitionszwängen durch KI und langfristigen Klimazielen eine der größten Herausforderungen für die gesamte Branche.
