KI entschlüsselt erstmals 2000 Jahre alte Pompeji-Rolle
Wissenschaftler haben erstmals eine vor fast zweitausend Jahren durch den Ausbruch des Vesuvs verkohlte Papyrusrolle aus Herculaneum mithilfe Künstlicher Intelligenz vollständig virtuell entrollt und entziffert. Die im Jahr 79 nach Christus verschütteten Schriftrollen blieben seit ihrer Entdeckung im Jahr 1752 ein Rätsel, da konventionelle physische Öffnungsversuche den empfindlichen, kohlenstoffhaltigen Stoff zerstören würden. Ein internationales Forschungsteam um den Informatiker Brent Seales von der University of Kentucky hat nun einen Durchbruch erzielt, der die Archäologie und digitale Geisteswissenschaften nachhaltig verändert. Der Durchbruch basiert auf der Kombination hochauflösender Mikro-CT-Scans an Großforschungsanlagen wie dem Diamond Light Source und der Europäischen Synchrotronstrahlungsanlage ESRF mit spezialisierten Algorithmen des maschinellen Lernens. Anstelle physischer Interventionen erzeugen die synchrotronbasierten Röntgenstrahlen präzise 3D-Modelle der inneren Schichten. Ein darauf trainiertes KI-Modell rekonstruiert die kaum sichtbare Tinte und entrollt die seit Jahrhunderten festgewachsene Papyrusstruktur digital. Das aktuell vollständig virtualisierte Fragment, bekannt als PHerc.1,667, erstreckt sich über eine Länge von rund 1,5 Metern und enthält etwa zwanzig Spalten griechischen Textes. Es gilt als die bisher vollständig entschlüsselte älteste Rolle der Sammlung. Die entzifferten Passagen verweisen auf philosophische Schriften des Philodem von Gadara. Während bisher nur ein Kapitel seiner Abhandlung Über die Götter bekannt war, deuten die neuen Fundstellen auf mindestens acht Kapitel hin und verweisen auf epikureische Theologie sowie stoische Konzepte wie rationale Selbstkontrolle. Die antike Schriftführung ohne Worttrennungen und mit fehlender Interpunktion erforderte eine enge Zusammenarbeit mit Papyrologen, um die algorithmischen Ergebnisse fachlich zu validieren und in einen historischen Kontext zu setzen. Diese technologische Leistung ist eng mit der Vesuvius Challenge verbunden, einer offenen Forschungsförderung, die vom Investor Nat Friedman, Daniel Gross und Brent Seales initiiert wurde. Bisher flossen über 1,8 Millionen US-Dollar an Preisgelder. Angesichts des wissenschaftlichen Erfolgs wurde ein neues Förderziel etabliert: Teams, die innerhalb eines Jahres eine weitere Herculaneum-Rolle vollständig entschlüsseln, erhalten eine Million Dollar. Die gesamte Datenbasis samt Code und Trainingsdaten ist öffentlich zugänglich, um die Forschung zu demokratisieren und die Geschwindigkeit der Entschlüsselung zu beschleunigen. Trotz des Meilensteins bleibt der Prozess ressourcenintensiv; eine vollständige Kartographie aller über sechshundert verbliebenen Rollen würde erhebliche Finanzmittel binden. Aktuell wurden lediglich rund zehn Prozent der Sammlung gescannt. Dennoch markiert der Erfolg einen Paradigmenwechsel von der zerstörungsfreien Digitalisierung zur vollständigen Rekonstruktion antiker Wissensbestände. Mit kontinuierlichen Algorithmen-Updates und skalierender Bildgebung wird nun der Grundstein für eine digitale Bibliothek gelegt, die verloren geglaubte philosophische und historische Argumentationslinien der Antike nachhaltig bewahrt und für die akademische Welt zugänglich macht.
