Studie: Gehirn erzeugt Träume auch im Wachzustand
Eine in der Fachzeitschrift Cell Reports veröffentlichte Studie beleuchtet die bis dato unterschätzte Durchlässigkeit der Schwelle zwischen Wachsein und Schlaf. Forschende widerlegen damit das traditionelle Modell eines abrupten Umschaltens von rationalen Gedanken im Wachzustand zu surrealen Träumen im Schlaf. Stattdessen zeigt sich, dass diese Übergangsphase, in der Fachterminologie als Hypnagogie bezeichnet, ein kontinuierlicher Prozess gradueller neuronaler Anpassungen ist. Um die komplexen mentalen Vorgänge in dieser Zwischenphase zu entschlüsseln, setzten die Wissenschaftler Elektroenzephalographie bei 103 Probanden ein. Während kontrollierter Ruhephasen wurden die Teilnehmer zu regelmäßigen Zeitpunkten durch akustische Signale unterbrochen und nach ihren unmittelbaren Gedanken befragt. Insgesamt gingen 375 Berichte ein, die ohne vorab definierte Kategorien analysiert wurden. Ein maschinelles Lernverfahren gruppierte die Angaben basierend auf vier Dimensionen: Bizarrität, Kontinuität, Spontanität und dem subjektiven Empfinden von Wachheit oder Schlaf. Die Daten offenbaren ein überraschendes Bild: Sämtliche erfassten mentalen Zustände, von alltäglichen Planungen und Umgebungsreflexionen über fragmentierte Erinnerungen bis hin zu traumhaften, surrealen Bildern, traten flächendeckend über alle Schlafstufen und Wachphasen verteilt auf. Klassische Marker wie Alpha-Wellen für Wachheit oder Theta- und Sigma-Wellen für leichten Schlaf bestimmten nicht länger die Art des inneren Erlebens. Paradoxerweise berichteten bei vollständigem Wachsein teilnehmende Probanden von bizarren Halluzinationen, während Schlafende in der zweiten Schlafstufe rationale Gedanken nachzeichneten. Durch hochauflösende EEG-Messungen mit 64 Elektroden und kurzen Zeitfenstern ließen sich spezifische neurobiologische Signaturen für diese mentalen Zustände isolieren. Entscheidend ist, dass die neuronale Korrelation zwischen Bewusstseinsinhalt und Hirnaktivität unabhängig vom aktuellen Vigilanzstatus konsistent bleibt. So korrelierte beispielsweise traumhafte Imaginierung mit einer reduzierten Langstrecken-Kommunikation zwischen kortikalen Arealen, ein Muster, das sich in allen Zustandsübergängen wiederholte. Diese Erkenntnisse münden in die großangelegte Online-Studie Drifting Minds, an der sich bereits nahezu 5.000 Personen weltweit beteiligt haben. Ziel ist die Identifikation individueller Profile am Schlafbeginn und die Untersuchung ihrer Korrelation mit demografischen, kulturellen und psychologischen Faktoren wie Kreativität, Schlafqualität oder Angstneigung. Die Ergebnisse liefern nicht nur fundamentale Einsichten in die Architektur des menschlichen Bewusstseins, sondern eröffnen auch neue Perspektiven für die Diagnostik neurokognitiver Störungen und die Optimierung von Erholungsphasen. Die Forschung unterstreicht, dass die menschliche Psyche im Moment des Einschlafens keine starren Zustände durchläuft, sondern ein dynamisches Spektrum innerer Realität abbildet, dessen neuronale Grundlagen nun präzise kartiert sind.
