New York wird zum Zentrum der Rechtstechnik
New York hat sich in diesem Jahr als das neue Zentrum der Legal Tech-Branche etabliert – nicht mehr nur als Finanzmetropole, sondern als weltweites Mekka für rechtliche Innovation. Unter der Führung des schwedischen Unternehmers Max Junestrand wuchs das Unternehmen Legora so schnell, dass es drei Bürostandorte in Manhattan wechselte und nun eine zweistöckige Fläche von 27.238 Quadratmetern in der 838 Broadway bezieht, einem neu renovierten Gebäude südlich des Union Square. Die Firma, die Enterprise-Software für renommierte Big-Law-Kanzleien wie Goodwin und Cleary Gottlieb anbietet, wurde nach einer kürzlichen Finanzrunde auf 1,8 Milliarden Dollar bewertet und ist damit eine der führenden Legal-Tech-Unicorns. Ihr Erfolg basiert auf einer klaren Strategie: Präsenz in der Stadt, in der die Entscheidungsträger der Rechtsbranche sitzen. Die Bewegung ist weit verbreitet. Logan Brown, ehemalige Anwältin bei Cooley, gründete Anfang des Jahres ihre eigene Legal-Tech-Firma und zog nach New York – nicht zuletzt, weil sie dort leichter talentierte Anwälte gewinnen kann. „Es ist kein schwerer Verkauf“, sagte die 30-Jährige, die im Financial District lebt. Junge Juristen wollen nicht nur Akten lesen, sondern aktiv an der Zukunft der Branche mitgestalten. Diese Dynamik zieht auch andere Tech-Unternehmen an: Harvey, ein aus Silicon Valley stammendes Unternehmen, sicherte sich im Oktober einen zehnjährigen Mietvertrag für 97.000 Quadratmeter am One Madison Avenue – eine Dreifachvergrößerung seiner New York-Präsenz. Auch Clio aus Vancouver sucht nun Bürofläche in der Stadt, während Spellbook und andere Startups ihre Expansion nach New York verlegen. Der Grund dafür liegt in der Dichte an Rechtsfachkräften: Laut der American Bar Association gibt es in New York mehr als 187.000 Anwälte – mehr als in jedem anderen Bundesstaat. Sieben der 20 größten US-Kanzleien haben ihren Hauptsitz dort, und alle anderen haben bedeutende Niederlassungen. Für Startups wie Hebbia oder Covenant bedeutet dies direkten Zugang zu Kunden und schnelle Feedbackschleifen. George Sivulka, CEO von Hebbia, betont: „Wenn du in New York bist, treffen Entscheidungen schneller.“ Ein weiterer Vorteil ist die Talentbasis. Jen Berrent, ehemalige General Counsel von WeWork, gründete Covenant, um private Marktinvestoren bei der Dokumentenprüfung zu unterstützen – eine Aufgabe, die traditionell von Kanzleien übernommen wird. Statt selbst KI-Modelle zu trainieren, nutzt sie OpenAI, Anthropic und Google, kombiniert mit einem Team aus Big-Law-Anwälten. „Die Expertise ist hier“, sagt Berrent. Auch Norm Ai, das No-Code-Tools für Compliance entwickelt, setzt auf New York – nicht nur für Kunden, sondern auch für Recruiting. Der Gründer John Nay organisiert nun Networking-Events in Bars, um Anwälte aus der Big Law-Szene anzulocken. Die Verlagerung der Legal Tech-Branche nach New York ist mehr als ein Trend – sie ist eine strategische Umstellung. Die Stadt ist nicht länger nur das Finanz- oder Rechtszentrum der Welt, sondern auch das Labor für deren digitale Zukunft. Industrieexperten sehen darin eine nachhaltige Verschiebung: „New York ist nicht nur der Ort, an dem die Entscheidungen fallen, sondern auch der Ort, an dem sie gemacht werden“, sagt ein Investor. Die Kombination aus Zugang zu Kunden, Talent und Kapital macht die Stadt zur neuen Silicon Valley der Rechtsbranche – mit einem entscheidenden Unterschied: Hier geht es nicht nur um Technologie, sondern um Expertise, die direkt aus der Praxis kommt.
