Junge Wall-Street-Mitarbeiter lernen Management an AI-Bots
In einer neuen Entwicklung auf Wall Street könnte die nächste Generation von Junior-Professionals bereits früh in Managementrollen hineinwachsen – allerdings nicht über Menschen, sondern über künstliche Intelligenz. Teresa Heitsenrether, Chief Data and Analytics Officer bei JPMorgan Chase, prognostizierte auf der Evident AI Symposium in New York, dass zukünftige Einsteiger bereits als „Manager“ agieren werden, indem sie sogenannte AI-Agenten koordinieren. Diese digitalen Kollegen können komplexe Aufgaben autonom übernehmen, was eine grundlegende Umgestaltung der klassischen Karrierepfade bedeutet. Heitsenrether betonte, dass die Erfahrung mit der Leitung von digitalen Teams jungen Mitarbeitern frühzeitig Verantwortung, Workflow-Überblick und Entscheidungsfindung vermitteln könne – Voraussetzungen, die traditionell erst später im Karriereverlauf erworben werden. Der Trend spiegelt sich auch bei Goldman Sachs wider. Marco Argenti, der Chief Information Officer und oberste Technologieverantwortliche des Instituts, berichtete, dass die jüngsten Mitarbeiter bereits als „AI-Natives“ agieren und sich gegenseitig über die effektive Nutzung von KI-Tools weiterbilden. Dieser neue Form der „Apprenticeship“ erfolgt nicht mehr ausschließlich zwischen erfahrenen und jungen Mitarbeitern, sondern auch horizontal – unter Gleichaltrigen. Argenti sieht darin eine entscheidende Kraft für die Unternehmenstransformation: „Diese Menschen werden die nächsten Generationen lehren, wie man mit der KI lebt und arbeitet.“ Die Einführung agenter KI, die Prozesse end-to-end autonom steuern kann, stellt jedoch auch Herausforderungen hinsichtlich Sicherheit, Qualität und Konsistenz dar. Gleichzeitig zeigt sich, dass der Widerstand gegenüber dem Wandel in großen Finanzinstituten schneller abnimmt, sobald Mitarbeiter die praktischen Vorteile erkennen. Heitsenrether betonte, dass der Schlüssel zur Akzeptanz darin liegt, Technologie direkt in die Hände der Mitarbeiter zu geben – „die beste Art, den Wert zu zeigen, ist, sie einfach zu nutzen“. Bei JPMorgan, einem der größten Investoren in KI-Technologie, werden bereits Mitarbeiter aus allen Bereichen – von Anwälten bis zu Call-Center-Teams – mit fortschrittlichen internen Tools ausgestattet, die Routineaufgaben entlasten und die Arbeitszeit effizienter gestalten. Industriebeobachter sehen in diesem Wandel eine tiefgreifende Transformation der Arbeitskultur in der Finanzbranche. Die frühzeitige Verantwortung für digitale Teams könnte die Entwicklung von Führungsfähigkeiten beschleunigen und die Karriereleiter für junge Talente flacher und schneller machen. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung, den Übergang für erfahrene Mitarbeiter, die auf klassische Lehrmeister-Modelle setzen, emotional und strukturell zu begleiten. Doch insgesamt deutet vieles darauf hin, dass die Integration von KI nicht nur eine technische, sondern auch eine kulturelle Evolution darstellt – mit JPMorgan und Goldman Sachs an der Spitze dieser Entwicklung.
