Digitale Zwillinge revolutionieren Ökologie durch präzise Tierwanderungsprognosen
Am Anfang des Oktober 2023 erhielt Ökologe Koen de Koning einen erneuten Beweis dafür, dass digitale Nachbildungen von natürlichen Systemen nicht nur technisch möglich, sondern auch praktisch nützlich sind: Der „Crane Radar“, ein digitaler Zwilling der Zugvögel der Graugans (Grus grus), zeigte ihm per Webanwendung, dass eine große Gruppe Vögel in Richtung Süden über seine Arbeitsstätte in den Niederlanden flog. Er eilte nach draußen – und sah tatsächlich 60 bis 70 Tiere am Himmel vorbeiziehen. Dieses Projekt, Teil des EU-geförderten Forschungsprogramms Nature FIRST, nutzt Daten aus dem Tiertracking-Portal Movebank, Beobachtungen von Naturliebhabern über die Plattform Observation.org sowie meteorologische Informationen wie Windgeschwindigkeit und -richtung, um die Bewegung der Gänse in Echtzeit vorherzusagen. Der Algorithmus aktualisiert die Vorhersage alle Minute, mit einer vierstündigen Prognose, und hat sich binnen weniger Monate zu einem beliebten Tool für Vogelbeobachter entwickelt, das während der Spitzenmigration bis zu 300.000 Besucher pro Tag anzieht. Der Erfolg des Crane Radar verdeutlicht, wie digitale Zwillinge in der Ökologie neue Möglichkeiten eröffnen: Sie ermöglichen es, komplexe, dynamische Ökosysteme zu simulieren, die durch Klimawandel, menschliche Eingriffe oder mangelnde Langzeitüberwachung schwer zu erfassen sind. In Spanien arbeitet ein Team um Maria Paniw am Doñana-Nationalpark an einem komplexeren digitalen Zwilling, der Wechselwirkungen zwischen Vegetation, Kaninchen und dem Iberischen Luchs modelliert – einem Schlüsselarten, deren Bestand dank Wiederansiedlungen und genetischer Vielfalt zuletzt von „gefährdet“ auf „verwundbar“ verbessert wurde. Mittels Satellitendaten (z. B. NDVI für Pflanzenverdichtung), GPS-Daten aus Luchs-Kollern und Jagtdaten wird untersucht, wie sich Änderungen in der Umwelt auf die Nahrungsgrundlage und die Tierpopulation auswirken. Ziel ist es, fundierte Entscheidungen für zukünftige Wiederansiedlungen zu ermöglichen. Ähnliche Projekte laufen in Kenia, wo Lawrence Nderu mit Partnern aus Slowenien einen digitalen Zwilling des Mara-Flusstals entwickelt, um Überschwemmungen vorherzusagen. Durch die Kombination von Wetterstationen, Bodensensoren, Satellitendaten und topografischen Informationen soll frühzeitig gewarnt werden, damit nomadische Hirten ihre Herden rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Auch in England, China und Portugal werden digitale Flusszwillinge aufgebaut, um Biodiversität zu schützen und Umweltgefahren zu managen. Trotz des Potenzials gibt es Herausforderungen: Die Datenqualität ist oft unzuverlässig – etwa bei Bürgerwissenschaftlern, die fehlerhafte Zeit- oder Ortsangaben liefern. Zudem erfordern die Systeme ständige Internetverbindung, hohe Speicherkapazitäten (Nderu benötigt jährlich 2,5 Terabyte) und langfristige Finanzierung. Viele Forschungsprojekte sind auf kurzfristige Fördermittel angewiesen, während digitale Zwillinge Jahre zur Entwicklung und Pflege benötigen. Auch das Verständnis der Nutzer bleibt ein Hindernis – viele wissen nicht, wie solche Systeme nützlich sein können. Industrielle Anwendungen wie die NASA-Modellierung des Apollo-13-Feuers oder Philips’ HeartNavigator zeigen, dass digitale Zwillinge bereits in anderen Bereichen Erfolg haben. In der Ökologie sind sie noch jung, aber vielversprechend. Mit der steigenden Verfügbarkeit von IoT, KI und Cloud-Technologie könnte die Technologie bald ein zentraler Bestandteil der Biodiversitätsforschung und des Umweltschutzes werden – vorausgesetzt, es gelingt, die technischen, finanziellen und sozialen Hürden zu überwinden. Die Digitalisierung der Natur ist kein futuristischer Traum mehr, sondern ein lebendiger, wachsender Teil der ökologischen Forschung – ein Spiegelbild der Welt, das nicht nur beobachtet, sondern auch verstehen und schützen kann.
