Ex-Tesla-AI-Chef warnt vor Verfall manueller Programmierkenntnisse durch KI
Andrej Karpathy, ehemaliger Leiter der KI-Abteilung bei Tesla und Mitbegründer von OpenAI, hat in einer umfangreichen Notiz auf X (ehemals Twitter) eine tiefgreifende Veränderung in der Softwareentwicklung beschrieben, die durch die Fortschritte künstlicher Intelligenz ausgelöst wurde. Er bezeichnete den Zeitpunkt um Dezember 2025 als einen „Phase Shift“: Zum ersten Mal seien KI-Coding-Agenten wie Anthropics Claude Code und OpenAIs Codex so kohärent und leistungsfähig geworden, dass sie die Art und Weise, wie Software entwickelt wird, grundlegend verändert haben. Karpathy selbst habe seinen Arbeitsablauf drastisch umgestellt – von 80 Prozent manueller Programmierung und 20 Prozent KI-Unterstützung auf nunmehr 80 Prozent KI-generierte Code-Entwicklung und nur 20 Prozent manuelle Anpassungen. „Ich programmiere mittlerweile fast ausschließlich in Englisch, ein wenig schamhaft dem LLM sagen, was der Code tun soll“, schreibt er, und räumt ein, dass dies „die Ego-Verletzung“ mit sich bringe, aber zugleich unübersehbar effektiv sei. Der Begriff „Vibe Coding“, den Karpathy prägte, beschreibt genau diese neue Ära: Entwickler formulieren Ideen in natürlicher Sprache, und die KI übersetzt sie in funktionsfähigen Code. Diese Entwicklung hat nicht nur die Produktivität erhöht, sondern auch die Rolle des Programmierers verändert. Karpathy warnt jedoch vor einem Verlust traditioneller Fähigkeiten: „Ich merke bereits, dass meine Fähigkeit, manuell Code zu schreiben, langsam abnimmt.“ Dieser „Atrophie-Effekt“ sei ein echtes Risiko – besonders für jüngere Entwickler, die ohne tiefes Verständnis der zugrunde liegenden Algorithmen und Sprachstrukturen arbeiten. Die Reaktionen aus der KI-Industrie bestätigen Karpathys Beobachtungen. Boris Cherny, Entwickler von Claude Code bei Anthropic, bestätigte, dass bei seinem Team nahezu 100 Prozent des Codes von der KI generiert werden – selbst kleine Korrekturen seien mittlerweile selten manuell. Auch andere Ingenieure wie Ethan He und Charles Weill von xAI betonen, dass KI-Agenten den Einzelnen zu einem „10x-Engineer“ machen und Gründern ermöglichen, sich wie ein VC über mehrere Projekte zu verteilen. Allerdings weisen sie auch auf Probleme hin: KI-generierter Code kann überkomplex, redundanter oder mit „totem Code“ versehen sein. Cherny schlägt daher vor, KI-Code von einer weiteren KI zu überprüfen – eine Art „Code-Review durch KI“. Die Branche steht vor einer tiefgreifenden Transformation: Die Fähigkeit, Code manuell zu schreiben, könnte zunehmend weniger relevant werden. Stattdessen rücken strategisches Denken, präzise Formulierung von Anforderungen und die Fähigkeit, KI-Outputs zu bewerten, in den Vordergrund. Karpathys Einschätzung ist weniger eine Kritik als eine Warnung: Die Macht der KI ist da, und sie verändert nicht nur Werkzeuge – sondern auch die Menschen, die sie nutzen.
