Anthropics Verschiebung der Veröffentlichung des neuen Modells Mythos löst Sicherheitsbedenken aus; in der Branche gibt es deutliche Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich seiner tatsächlichen Bedrohung.
Die KI-Firma Anthropic hat diese Woche angekündigt, die vollständige Veröffentlichung ihres neuen Modells „Mythos" aus Gründen der Cybersicherheit vorerst auszusetzen. Das Unternehmen warnte davor, dass das Modell über so starke Fähigkeiten verfüge, dass es von Laien genutzt werden könnte, um Schwachstellen in gängigen Betriebssystemen aufzudecken und zu nutzen. Als Alternative startete Anthropic das Projekt „Glass Wing", bei dem Claude Mythos Preview nur an 11 Institutionen zur Testnutzung freigegeben wurde, darunter Google, Microsoft, Amazon Web Services, JPMorgan Chase und Nvidia. Die Erklärung löste rasch Marktreaktionen aus und erregte auch die Aufmerksamkeit der US-Geldmarktaufsicht. Berichten zufolge haben Regierungsvertreter einschließlich Jerome Powell mit Führungskräften großer Banken zusammengetroffen, um potenzielle Cybersecurity-Risiken zu diskutieren. Inzwischen sind sich Branchenexperten jedoch uneinig hinsichtlich des tatsächlichen Bedrohungsgrads durch Mythos. Der KI-Wissenschaftler Gary Marcus bezeichnete die entsprechenden Aussagen als „übertrieben" und betonte, das Modell stelle eher eine schrittweise Verbesserung dar denn einen bahnbrechenden Fortschritt. Auch Yann LeCun bezweifelte öffentlich den Umfang der Werbung und wies darauf hin, dass ähnliche Fähigkeiten zur Analyse von Sicherheitslücken bereits in kleineren Modellen erreicht wurden. Andererseits nehmen Sicherheitsexperten eine vorsichtigere Haltung ein. Jake Moore vom Anbieter ESET nannte das Modell zwar beeindruckend, sah darin aber zugleich Bestätigung für Anthonpics Strategie einer sicheren Priorisierung. Dave Kasten, Leiter der Politikabteilung bei Palisade Research, merkte an, dass Modelle anderer Firmen möglicherweise schnell aufholen könnten und der Vorsprung nicht unbedingt stabil sei. Einige Standpunkte unterstrichen zudem das gleichzeitige Vorhandensein von Risiken und Chancen. Investor David Sacks mahnte dazu, potenzielle Gefahren ernst zu nehmen, warnte gleichzeitig aber davor, dass Unternehmen dies für übertriebene Marketingkampagnen nutzen könnten. Pablos Holman, Partner bei Deep Future, vertrat hingegen die Ansicht, dass KI ebenfalls die Abwehrfähigkeiten stärken werde und insgesamt ein Anstieg im Bereich der Cybersicherheit wahrscheinlich sei. Insgesamt verdeutlicht der Fall rund um Mythos sowohl die komplexen Auswirkungen fortschrittlicher KI-Technologien auf die Sicherheit als auch nach wie vor bestehende deutliche Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Branche bezüglich Risikobewertungen und kommerzieller Narrative.
