Konflikt um AI-Regulierung: Bundes- vs. Ländergesetze im Streit
Washington steht vor einer entscheidenden Phase in der KI-Regulierung – doch der Streit dreht sich nicht um die Technologie selbst, sondern um die Frage, wer die Regeln machen soll. In Abwesenheit einer umfassenden federalen KI-Strategie haben 38 US-Bundesstaaten bis November 2025 über 100 KI-bezogene Gesetze verabschiedet, darunter Kaliforniens SB-53 zur KI-Sicherheit und Texass Responsible AI Governance Act, der missbräuchliche Nutzung von KI verbietet. Die Tech-Industrie, vertreten durch Akteure wie OpenAI, Palantir und die VC-Firma Craft Ventures, warnt jedoch vor einem „Patchwork“ von Vorschriften, das Innovation hemmen und die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber China gefährden würde. Josh Vlasto von der pro-KI-PAC Leading the Future betont: „Es wird uns im Wettlauf mit China verlangsamen.“ Darauf reagieren die Befürworter einer zentralen Regulierung mit drastischen Maßnahmen. Im Rahmen des National Defense Authorization Act (NDAA) wird diskutiert, staatliche KI-Gesetze zu verbieten. Gleichzeitig hat ein vertraulicher Entwurf eines Weißbuch-Exekutivbefehls der Trump-Regierung die Schaffung einer „AI-Litigation-Taskforce“ vorgeschlagen, die gegen staatliche KI-Gesetze vor Gericht geht, und die Federal Trade Commission (FTC) und die Federal Communications Commission (FCC) zur Schaffung nationaler Standards anweist, die bundesstaatliche Regelungen aufheben. Wichtiger Punkt: David Sacks, Trumps KI- und Kryptoczar, soll gemeinsam mit dem White House Office of Science and Technology Policy (OSTP) die nationale KI-Strategie leiten – ein Machtverschiebung, die Experten als beunruhigend empfinden. Die Gegenposition vertreten insbesondere politische Akteure wie New Yorks Abgeordneter Alex Bores, der den RAISE Act verabschiedet hat, der große KI-Labore zur Erstellung von Sicherheitsplänen verpflichtet. Bores betont: „Vertrauenswürdige KI wird am Markt gewinnen – und der Markt belohnt oft nicht die langfristige Sicherheit.“ Er plädiert für eine nationale KI-Strategie, aber mit der Erkenntnis, dass Bundesstaaten schneller auf neue Risiken reagieren können. Tatsächlich verabschiedeten die Bundesstaaten 2025 mehr KI-Gesetze als das Kongress, das seit 2015 nur ein einziges KI-Gesetz verabschiedet hat, obwohl Rep. Ted Lieu (D-CA) 67 Vorschläge eingebracht hat. Die Mehrheit der 200+ Unterzeichner einer offenen Erklärung lehnt die Preemption ab, da sie die „Lernlabore“ der Demokratie – die Bundesstaaten – schützen will. Kritiker wie Kryptograf Bruce Schneier und Datenspezialist Nathan E. Sanders argumentieren, dass der „Patchwork“-Einwand übertrieben sei. Unternehmen operieren bereits unter strengeren EU-Vorschriften, und die Industrie habe gelernt, mit unterschiedlichen Regelwerken umzugehen. Die eigentliche Motivation, so die Kritik, sei die Vermeidung von Verantwortlichkeit. Lieu arbeitet an einem über 200-seitigen Megabill, der KI-Transparenz, Whistleblower-Schutz, Testpflichten für große Sprachmodelle und Schutz vor Deepfakes umfasst. Wichtig: Er vermeidet eine direkte Regulierung durch Bundesbehörden, um die Chancen auf Zustimmung in einem republikanisch dominierten Kongress und im Weißen Haus zu erhöhen. Sein Ziel: Etwas Gesetz, das in dieser Legislaturperiode durchkommt – nicht ein perfektes, sondern ein machbares Gesetz. Bewertung: Die Auseinandersetzung ist mehr als ein Regulierungsstreit – sie ist ein Machtkampf zwischen zentraler Kontrolle und demokratischer Vielfalt. Während die Tech-Industrie mit Milliarden aus dem Silicon Valley versucht, die politische Landschaft zu beeinflussen, setzen Bundesstaaten auf Flexibilität und schnelle Reaktion. Ein nationales KI-Gesetz ist dringend nötig, aber die Frage bleibt: Soll es von oben nach unten kommen – oder von unten nach oben? Die Antwort wird die Zukunft der KI-Regulierung in den USA entscheiden.
