Sequoia investiert in Anthropic – Bruch mit VC-Tradition
Sequoia Capital ist in einer bemerkenswerten Wendung in Anthropic investiert, dem KI-Startup hinter dem Chatbot Claude, wie die Financial Times berichtet. Die Investition ist besonders auffällig, weil Venture-Capital-Firmen traditionell vermeiden, mehrere Konkurrenten in derselben Branche zu finanzieren – um Konflikte der Interessen und den Missbrauch vertraulicher Informationen zu verhindern. Sequoia ist bereits in OpenAI und Elon Musks xAI investiert, zwei Unternehmen, die direkt mit Anthropic konkurrieren. Dieses Vorgehen stellt die etablierte Praxis in Frage, die auch OpenAI-Chef Sam Altman unter Eid im Rahmen des Musk-Prozesses als „industriestandard“ bezeichnete: Investoren mit Zugang zu vertraulichen Daten von OpenAI sollten keine aktiven Investitionen in Wettbewerber tätigen, andernfalls drohte der Ausschluss. Der neue Finanzierungsrunden-Deal wird von Singapurs Staatsfonds GIC und dem US-Investor Coatue angeführt, jeweils mit 1,5 Milliarden Dollar. Anthropic will insgesamt 25 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 350 Milliarden Dollar aufbringen – mehr als doppelt so viel wie vor vier Monaten. Microsoft und Nvidia haben gemeinsam bis zu 15 Milliarden Dollar zugesagt, weitere 10 Milliarden oder mehr sollen von Venture-Capital-Gesellschaften und anderen Investoren kommen. Zuvor hatten die Wall Street Journal und Bloomberg von einer Runde um 10 Milliarden Dollar berichtet. Die Beziehung zwischen Sequoia und Altman ist tief verwurzelt: Der frühere Stanford-Student wurde 2005 von Sequoia bei der Gründung von Loopt unterstützt, später wurde Altman als „Scout“ für das Unternehmen tätig und brachte Stripe in die Portfolio-Liste – eine der wertvollsten Investitionen der Firma. Der neue Co-Leiter Alfred Lin hat Altman mehrfach in Veranstaltungen interviewt; nach dessen kurzzeitiger Entfernung aus OpenAI im November 2023 erklärte Lin öffentlich, er würde Altman bei seinem „nächsten weltverändernden Unternehmen“ sofort unterstützen. Die Investition in xAI war bereits als Ausnahme betrachtet worden – weniger als Wettbewerbsstrategie, vielmehr als Ausbau der strategischen Beziehung zu Elon Musk, mit dem Sequoia bereits über SpaceX, Neuralink, The Boring Company und die frühe Investition in Musks X.com verbunden ist. Die jüngste Entscheidung, in Anthropic zu investieren, ist daher umso auffälliger, besonders im Kontext der 2020 erfolgten Trennung von Finix, einem Zahlungsunternehmen, das mit Stripe konkurrierte. Damals verlor Sequoia 21 Millionen Dollar, gab seine Anteile und Rechte auf und trennte sich erstmals in der Firmengeschichte von einem neuen Portfolio-Unternehmen aus Interessenkonflikt. Die Entscheidung fällt nach dramatischen Führungswandel bei Sequoia, bei dem Roelof Botha nach einem überraschenden Votum abgelöst wurde, kurz nachdem er mit TechCrunch gesprochen hatte. Sein Nachfolger Alfred Lin und Pat Grady, der früher an der Finix-Transaktion beteiligt war, übernahmen die Leitung. Anthropic plant möglicherweise bereits 2024 einen Börsengang. Sequoia hat sich bislang nicht öffentlich zu der Investition geäußert. Bewertung durch Branchenexperten: Die Entscheidung von Sequoia markiert eine signifikante Verschiebung im VC-Verhalten – weg von der klassischen „Ein-Unternehmen-Strategie“ hin zu einer mehrfach diversifizierten, strategisch ausgerichteten Portfolio-Steuerung. „Sie setzen nicht mehr auf einen einzigen Sieger, sondern auf die Stärke von Einzelpersonen wie Altman“, sagt ein Silicon-Valley-VC-Analyst. „Die Beziehung zum Menschen zählt mehr als die technologische Dominanz.“ Die Investition unterstreicht zudem die zunehmende Bedeutung von Einflussnetzwerken und persönlichen Beziehungen in der KI-Industrie. Anthropic könnte damit zum zentralen Player in einem multipolaren KI-Markt werden, in dem mehrere große Akteure gleichzeitig von führenden Investoren unterstützt werden.
