Ultraschall aktiviert molekulare Nanostrukturen
Forschende der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf haben einen bedeutenden Fortschritt bei der Entwicklung intelligenter molekularer Materialien erzielt. Unter der Leitung von Dr. Bernd M. Schmidt und Professor Dr. Jan Meisner konnte nachgewiesen werden, dass sich komplexe supramolekulare Nanostrukturen gezielt mit Ultraschall aktivieren, kontrolliert zerlegen und unter geeigneten Bedingungen sogar wieder zusammenfügen lassen. Die Ergebnisse der Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Nature Communications, etablieren Ultraschall als wirksames Werkzeug zur mechanischen Steuerung dynamischer Molekülsysteme und eröffnen neue Perspektiven für die zielgerichtete Arzneimitteltherapie. Im Zentrum der Untersuchungen stehen selbstassemblierende molekulare Käfige auf Palladiumbasis, die in der Chemie als Reaktionskammern, Sensoren und potenzielle Transportsysteme für Wirkstoffe dienen. Während die gezielte Synthese dieser Strukturen gut erforscht ist, blieb ihre selektive Auflösung bislang eine Herausforderung. Die Düsseldorfer Forschungsgruppe umhüllte die Käfige mit flexiblen Polymerketten, die als molekulare Leitstrukturen fungieren. Beim Beschallung dieser Hybridsysteme übertragen die Polymerketten die mechanischen Ultraschallwellen direkt in das Gerüst der Käfige. Dieser Prozess führt zum selektiven Bruch spezifischer chemischer Bindungen, wodurch die Strukturen kontrolliert geöffnet werden können. Entscheidend ist, dass der Vorgang unter definierten Bedingungen reversibel ist und die Käfige sich anschließend vollständig neu ausbilden. Die praktische Relevanz des Verfahrens demonstrierten die Forschenden am Beispiel des Krebsmedikaments Cisplatin. Nach der Einkapselung des Wirkstoffs in die supramolekularen Container löste die Ultraschallbestrahlung präzise die Freisetzung aus. Dieser kontrollierte Transportmechanismus markiert einen wichtigen Schritt hin zu adaptiven Drug-Delivery-Systemen, die Medikamente exakt am Zielort freisetzen können. Um die experimentellen Befunde auf atomarer Ebene zu verstehen, kombinierte das Team die Laborexperimente mit hochauflösenden Computersimulationen. Konventionelle Quantenchemie stieß hier an ihre Grenzen, da die Systeme aus mehreren hundert bis über viertausend Atomen bestehen und mechanisch induzierte Bindungsbrüche präzise abbilden müssen. Die Lösung bot ein speziell optimiertes, maschinenbasiertes interatomares Potenzial für Metall-Ligand-Bindungen. Dieses ermöglichte schnelle, hochgenaue Berechnungen, die aufzeigen, welche Kräfte genau für das Öffnen der Käfige nötig sind, und lieferte Erkenntnisse in Prozesse, die im Experiment kaum direkt beobachtbar sind. Die Untersuchung liefert damit nicht nur fundamentale Einblicke in die Mechanotransduktion durch supramolekulare Netzwerke, sondern legt auch den Grundstein für eine neue Generation schaltbarer Materialien und hochselektiver Therapien.
