Künstliche Intelligenz belastet Softwareaktien – Panik oder Wende?
Künstliche Intelligenz (KI) hat erneut erhebliche Turbulenzen in der Softwarebranche ausgelöst, nachdem das KI-Unternehmen Anthropic neue Tools für seinen AI-Agenten „Claude Cowork“ vorgestellt hatte. Diese Tools sind darauf ausgelegt, komplexe berufliche Arbeitsabläufe zu übernehmen – von Rechts- und Technologieforschung über Kundenbeziehungsmanagement bis hin zu Analytik – Funktionen, die bisher zentrale Angebote von Software-as-a-Service-(SaaS)- und Datenanbietern darstellen. Die Befürchtung: KI könnte traditionelle Softwaremodelle zunehmend überflüssig machen, was zu einem massiven Verkauf von SaaS-Aktien führte. Der S&P 500 Software & Services Index verlor am Donnerstag über 4 Prozent und lag damit bereits nach acht aufeinanderfolgenden Verlusttagen rund 20 Prozent unter dem Jahresbeginn. Auch Unternehmen wie Thomson Reuters, Salesforce und LegalZoom wurden stark getroffen, während der Verkaufsdruck auch auf asiatische IT-Firmen wie Tata Consultancy Services und Infosys überschwappte. Doch die Reaktionen der Analysten und Tech-Experten sind geteilt. Wedbush Securities bezeichnete den Verkauf als „illogische Panik“, die einer apokalyptischen Szenario gleicht, das der Realität nicht entspricht. Laut dem Analystenbericht werden Unternehmen nicht ihre gesamten, über Jahrzehnte angehäuften Softwareinfrastrukturen und Datenbestände – im Wert von mehreren Milliarden – einfach auf KI-Plattformen wie Anthropic oder OpenAI umstellen. Die Tiefe und Komplexität bestehender Systeme, insbesondere in großen Unternehmen, machen einen solchen Bruch unwahrscheinlich. Andererseits sehen Analysten wie Rolf Bulk von Futurum Group eine tiefgreifende Veränderung: KI werde nicht unbedingt die gesamte SaaS-Branche vernichten, aber sie werde sie „kannibalieren“ – also bestehende Produkte ersetzen oder untergraben. Dies könnte die Gewinnmargen der Unternehmen beeinträchtigen und die Bewertungsmultiple senken. Dennoch betont Bulk, dass bestimmte Anbieter mit kritischer Infrastruktur wie Oracle oder ServiceNow weiterhin eine „Rechtfertigung zum Verdienen“ haben, da sie tief in Unternehmensworkflows verankert sind und über wertvolle, spezialisierte Daten verfügen. Einige Unternehmen reagieren proaktiv: AlphaSense, ein Anbieter für Marktdaten und Forschung, nutzt KI-Tools bereits in seinen Produkten und betont, dass die Zukunft denjenigen gehört, die KI mit vertrauenswürdigen Inhalten, Erklärbarkeit und tiefem Branchenwissen kombinieren. Diese Strategie zeigt, dass die Branche nicht nur bedroht ist, sondern auch Chancen sieht, sich durch die Integration von KI zu stärken. Insgesamt bleibt die Lage ambivalent: Während die kurzfristige Panik übertrieben erscheint, ist die langfristige Bedrohung durch KI real – doch nicht alle Softwareunternehmen sind gleich betroffen. Die Zukunft wird nicht von der vollständigen Abwicklung, sondern von der Fähigkeit bestimmt, KI strategisch einzubinden und sich als unverzichtbarer Partner im digitalen Ökosystem zu positionieren.
