John Ternus' erstes großes Problem: KI
Knapp ein Jahr nachdem Apple bei seiner jährlichen Entwicklerkonferenz WWDC für das Fehlen großer KI-Ankündigungen kritisiert wurde, hat das Unternehmen eine neue Führungsebene angekündigt. John Ternus, derzeit Senior Vice President für Hardware-Engineering, wird CEO Tim Cook am 1. September ablösen. In der offiziellen Bekanntmachung wurde Künstliche Intelligenz (KI) jedoch kein einziges Mal erwähnt, was angesichts der jahrelangen Verzögerungen von Apples KI-Strategie besonders auffällt. Ternus ist seit 25 Jahren bei Apple tätig und der erste CEO in rund 30 Jahren, der aus dem Hardware-Bereich kommt. Während seiner Karriere leitete er die Hardware-Entwicklung für jedes iPad-Modell, die neusten iPhones sowie AirPods. Die Ankündigung hob seine Erfolge hervor, wie verbesserte Geräuschunterdrückung bei AirPods, die Einführung des MacBook Neo und Maßnahmen zur Haltbarkeit und Reparierbarkeit der Produkte. Seine Erfahrung oder Pläne im Bereich der fortschrittlichen KI-Technologie wurden dagegen nicht erwähnt. Mit der Erwartungshaltung nach über einem Jahr gescheiterter Versprechen bezüglich eines eigenen KI-Assistenten wird diese Stille zwangsläufig wahrgenommen. In den letzten Jahren hat sich Apple den Ruf zugezogen, im globalen KI-Wettbewerb hinter Konkurrenten zurückzufallen. Der Assistent Siri ist im Vergleich zu den Produkten von Google, Microsoft, OpenAI und Anthropic weniger leistungsfähig und stützt sich oft auf Modelle fremder Anbieter. Während Microsoft und Google bereits aktive, agente KI-Funktionen in ihre Betriebssysteme integriert haben, konnte Apple hier nicht mitziehen und musste teilweise Rückschläge hinnehmen, etwa bei den geplanten Benachrichtigungszusammenfassungen von Apple Intelligence. Das bloße Einbauen von KI garantiert jedoch keinen Erfolg. Microsoft wurde dafür kritisiert, seine KI-Integration in Windows 11 zu übertreiben, was zu Nutzerprotesten und dem Begriff „Microslop" führte. Ironischerweise wechselten einige Nutzer zu Apple-Geräten wie dem MacBook Neo, das trotz höherer Preise eine weniger KI-lastige Umgebung bietet. Die Herausforderung für Ternus besteht nun darin, seine jahrzehntelange Erfahrung unter Steve Jobs zu nutzen, um Apple-Systeme KI-gestützt zu erweitern, ohne den für das Unternehmen typischen Standard für Design und Benutzerfreundlichkeit zu opfern. Darüber hinaus bleibt das fundamentale Problem bestehen, dass die eigentlichen KI-Funktionen hinter dem Status quo zurückbleiben. Während andere Labore in den letzten Jahren agente Systeme entwickelt haben, die komplexe, mehrstufige Aufgaben für Nutzer übernehmen können, hat Apple seine eigenen Versprechen nicht eingehalten. Auf der WWDC vor einem Jahr wurden Funktionen wie persönliche Siri-Anpassungen angekündigt, die jedoch verschoben wurden. Obwohl Versprechungen für ein Rollout innerhalb eines Jahres gemacht wurden, steht der Release nun kurz vor dem WWDC 2026 noch aus. Zwischenzeitlich versuchte Apple, diese Lücke durch Partnerschaften zu schließen. Man integrierte bereits den ChatGPT-Service von OpenAI in bestimmte Funktionen und schloss im Januar einen Vertrag mit Google ab, um dessen KI-Modell Gemini in Zukunft als Grundlage für Apples eigene Modelle zu nutzen. Eine Schätzung zufolge könnte dies Apple bis zu einer Milliarde Dollar pro Jahr kosten. Google-CEO Sundar Pichai hatte bereits angekündigt, dass die Zusammenarbeit bis Ende 2025 zur Entwicklung einer neuen Generation von Modellen führen soll. Die entscheidende Frage ist nun, ob die mit Gemini angetriebene Version von Siri bis zur WWDC 2026 verfügbar sein wird oder ob sie erst nach Ternus' Amtsantritt vorgestellt wird. Ternus, der den Ruf genießt, Produkte eher zu pflegen als neue Kategorien zu erschließen, steht vor einer enormen Aufgabe. Er muss nicht nur das technologische Defizit von Apple im KI-Segment ausgleichen, sondern auch gegen Wettbewerber ankämpfen, die bereits mit hoher Geschwindigkeit voranschreiten, und das Unternehmen als das erste wertsteigernde Unternehmen der Welt in eine neue Ära führen.
