Tech-Riesen bauen Datenzentren ins All – mit Risiken für die Erde
Techriesen wie Google, SpaceX und Startups wie Starcloud und Aetherflux setzen auf eine radikale Lösung für die wachsende Energie- und Platzkrise bei der Entwicklung von KI-Datenzentren: den Aufbau von Großrechenzentren im All. Im Jahr 2025 wurden bereits sechs Großprojekte angekündigt, die jeweils mehrere Gigawatt Strom benötigen – eine Leistung, die bisher nur hypothetisch war. Die Idee: Satelliten in niedriger Erdumlaufbahn (600 bis 1.000 Meilen Höhe), ausgestattet mit Solarpanels und leistungsstarken Chips wie Google’s TPUs, sollen künstliche Intelligenz-Rechenleistung in der Sonnensynchronen Umlaufbahn bereitstellen. Google plant mit „Project Suncatcher“ bereits 2027 den Start von zwei Prototypen, später sollen bis zu 81 Satelliten in einem dicht beieinanderliegenden Cluster – nur 100 bis 200 Meter auseinander – gemeinsam die Erde umkreisen. Anstatt Kabel sollen die Chips per inter-satellitärer Laserkommunikation miteinander verbunden werden. Doch Experten sind skeptisch. Astronom Jonathan McDowell warnt vor der Realitätsferne vieler Raumfahrt-Start-ups: „Viele Projekte beginnen damit, dass Raumfahrt cool ist – nicht damit, dass sie unbedingt dort sein müssen.“ Die Hauptgefahr liegt in der zunehmenden Raummüllbelastung: Mehr als 14.000 aktive Satelliten, darunter 8.300 Starlink-Satelliten, bewegen sich in dicht besetzten Bahnen. Die Wahrscheinlichkeit von Kollisionen steigt exponentiell. Akhavan-Tafti von der University of Michigan betont, dass die enge Anordnung von 81 Satelliten in einem Cluster eine „unvorhergesehene Herausforderung“ darstellt. Sollte ein Antrieb versagen, könnte ein „Randalierer“ die gesamte Formation gefährden. Zudem erfordert die ständige Kollisionsvermeidung viel Treibstoff – was wiederum größere, schwerere Satelliten erfordert, die selbst zu mehr Müll beitragen. Daneben gibt es technische Hürden: In der Vakuumumgebung des Alls kann Wärme nicht wie auf der Erde über Luft abgeführt werden. Starcloud setzt daher auf Infrarot-Strahlung und schützt die Chips mit dichten, leichten Materialien wie Wolfram und Blei. Doch auch diese Strahlung kann die Astronomie stören. John Barentine von der Center for Space Environmentalism warnt vor Lichtverschmutzung durch reflektierende Oberflächen, die die Beobachtung von Himmelskörpern erschweren könnten – besonders zu Dämmerungszeiten, wenn wichtige Objekte wie potenziell gefährliche Asteroiden erfasst werden müssen. Obwohl Google betont, dass die Satelliten „nur kurz sichtbar“ seien und die Raumumwelt ernst nehme, bleibt die Transparenz der Unternehmen fraglich. Details über Designs und Auswirkungen werden oft als Geschäftsgeheimnis zurückgehalten – ein Problem für wissenschaftliche Bewertung. Trotz Kritik wächst die Nachfrage: Starcloud will 2026 seinen zweiten Satelliten starten, Aetherflux und Google planen 2027. SpaceX, obwohl nicht offiziell beteiligt, signalisiert Interesse durch die Skalierung von Starlink V3. Insgesamt bleibt die Vision einer nachhaltigen Nutzung des niedrigen Erdorbit als „Lebensraum für zukünftige Generationen“ entscheidend. Doch wie Seth Gladstone von Food & Water Watch fragt: Warum löst Big Tech seine Erdprobleme nicht mit Innovation auf der Erde, sondern durch das „Blasten mehr Dinge in den Weltraum“? Die Antwort könnte nicht nur technologisch, sondern ethisch und ökologisch entscheidend sein.
