Digitale Tools decken verstecktes Artensterben auf
Im Juni 2026 hat das Royal Botanic Gardens, Kew den sechsten Sachstandsbericht zum Zustand der Pflanzen und Pilze weltweit veröffentlicht und gleichzeitig seine umfassende Digitalisierungsoffensive abgeschlossen. Dabei wurden mehr als 7,4 Millionen Herbar- und Pilzexemplare digitalisiert und über das Kew Data Portal kostenfrei für die globale Forschung bereitgestellt. Der im Fachjournal New Phytologist erschienene Bericht analysiert mit über 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus 40 Ländern, wie digitale Technologien und künstliche Intelligenz den Naturschutz grundlegend transformieren. Die Digitalisierung beseitigt historische Zugangsbarrieren und ermöglicht weltweiten Vergleich, Korrektur von Fehlidentifikationen sowie die Aufspürung verborgener Biodiversität. Erste KI-gestützte Analysen von acht Millionen Exemplaren belegen ökologische Verschiebungen: Die Blühzeiten von Pflanzen haben sich im letzten Jahrhundert durchschnittlich um 2,5 Tage pro Jahrzehnt verändert. Diese regional heterogenen Verschiebungen gefährden etablierte Symbiosen zwischen Flora und Bestäubern und unterstreichen die Komplexität klimatischer Einflüsse auf Pflanzenzyklen. Trotz technologischer Fortschritte warnt der Bericht vor gravierenden Datenlücken. Weniger als 16 Prozent aller globalen Herbarien sind digital erfasst, wobei der Globale Süden stark unterrepräsentiert ist. Diese Blindstellen verfälschen Biodiversitätsmodelle und Klimaprognosen. Gleichzeitig werde das tatsächliche Artensterben massiv unterschätzt. Von rund 29.748 bedrohten Pflanzen- und 411 Pilzarten ist lediglich ein Bruchteil wissenschaftlich bewertet. Da über 100.000 Pflanzen- und zwei Millionen Pilzarten noch nicht beschrieben sind, droht unbemerkter Artenverlust, den der Bericht als Katuš-Defizit bezeichnet. Statistische und Wahrscheinlichkeitsmodelle sollen künftig die Lücke zwischen dokumentiertem und tatsächlichem Aussterben schließen. Parallel vollzieht sich ein struktureller Wandel in der Wissenschaftsgeographie. Der durchschnittliche Abstand zwischen dem Fundort von Holotypen und ihrem heutigen Aufbewahrungsort ist im Vergleich zum 19. Jahrhundert um 70 Prozent gesunken. Digitalisierung ermöglicht es zudem, traditionelles ökologisches Wissen indigener Gemeinschaften zu sichern und lokale Forschungskapazitäten zu stärken. Projekte wie die Digitalisierung von 37.000 Exemplaren in Madagaskar zeigen, wie datengestützte Ansätze den Naturschutz vor Ort befähigen. Ein weiterer Meilenstein betrifft die Pilzgenomik. Zum ersten Mal können Wissenschaftler hochwertige Genome aus bis zu 180 Jahre alten Trockenexemplaren extrahieren. Dieser Durchbruch macht historische Sammlungen zu einer Ressource für die Entdeckung neuer Medikamente, den Pflanzenschutz und die Vorhersage von Krankheitserregern. Kew plant daraufhin den Aufbau der weltweit größten Pilzgenomdatenbank. Der Bericht appelliert abschließend an Politik, Wissenschaft und Technologieunternehmen, in die Vernetzung und gerechte Teilhabe an Biodiversitätsdaten zu investieren. Professor Alexandre Antonelli, Direktor für Wissenschaft bei Kew, betont, dass Digitalisierung und KI die Gleichberechtigung in der Forschung voranbringen, sofern die Datengrundlagen global erweitert und standardisiert werden. Die rasche Integration digitaler Infrastrukturen, wie sie bereits in Brasilien erfolgreich praktiziert wird, gilt als entscheidender Hebel, um den Biodiversitätsverlust zu verlangsamen und nachhaltige Anpassungsstrategien zu entwickeln.
