Smartwatch erkennt 98% der Anfälle
Eine neue Studie belegt, dass eine spezielle App für Smartwatches tonisch-klonische Anfälle, also schwere Krampfanfälle mit starken Zuckungen, mit einer Genauigkeit von 98 Prozent erkennt und dabei deutlich seltener falsche Alarme auslöst als bisherige Geräte. Die Forschungsergebnisse wurden im Fachjournal Neurology Open Access veröffentlicht und könnten ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Sicherheit für Menschen mit Epilepsie darstellen. James W. Wheless, MD, von der Le Bonheur Children's Hospital in Memphis und Fellow der American Academy of Neurology, betont die Dringlichkeit der Problematik. Bei unkontrollierten tonisch-klonischen Anfällen besteht ein hohes Risiko für den plötzlichen unerwarteten epilepsiebedingten Tod, insbesondere für Personen, die allein schlafen. Während tragbare Geräte Betreuer alarmieren und Erste Hilfe ermöglichen können, führen hohe Raten an Fehlalarmen oft dazu, dass Betroffene diese Technologie nicht nutzen oder Interventionen verzögern. Die vorliegende Untersuchung zeigt jedoch, dass die EpiWatch-App nahezu alle solchen Anfälle erfasst und dabei deutlich zuverlässiger arbeitet. An der Studie nahmen 242 Erwachsene und Kinder mit Epilepsie teil, deren Durchschnittsalter 23 Jahre betrug. Die Teilnehmer wurden durchschnittlich zweieinhalb Tage lang in einer spezialisierten klinischen Umgebung mit Video-EEG-Überwachung beobachtet, um ihre Anfälle präzise zu klassifizieren. Von den Teilnehmern erlitten 83 Anfälle mit Muskelaktivität, und 37 davon zeigten mindestens einen tonisch-klonischen Anfall. Parallel dazu trugen alle Probanden eine Smartwatch mit der EpiWatch-App, deren Daten dann mit den Video-EEG-Ergebnissen verglichen wurden. Die Ergebnisse waren eindeutig: Die App erkannte 46 von 47 dokumentierten tonisch-klonischen Anfällen. Ein einziger Fall wurde übersehen, da ein Betreuer den Arm des Probanden hielt und die Bewegungssensoren dadurch getäuscht wurden. Über insgesamt mehr als 16.000 Studienstunden wurden 56 Fehlalarme registriert. Dies entspricht einer Rate von 0,08 Fehlalarmen pro Tag, oder etwa einem Fehlalarm alle 12,4 Tage. Im Vergleich dazu liegen die Fehlalarmraten anderer Geräte zwischen 0,67 und 2,52 pro Tag. Das bedeutet, dass die EpiWatch-App eine um 90 Prozent niedrigere Fehlalarmrate aufweist. Die Benutzerakzeptanz war hoch: 87 Prozent der Teilnehmer hatten während der gesamten Studie überhaupt keine Fehlalarme, 9 Prozent hatten einen und lediglich 4 Prozent zwei oder mehr. Die meisten Fehlalarme, nämlich 35 von 56, traten bei Aktivitäten wie dem Spielen von Videospielen oder anderen repetitiven Bewegungen auf. Es wurden keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der Probanden festgestellt. Mit einer Gesamtsensitivität von 98 Prozent übertrifft die App die meisten vergleichbaren Geräte, deren Sensitivität zwischen 76 und 94 Prozent liegt. Wheless hebt zusätzlich einen sozialen Aspekt hervor: Während dedizierte Überwachungsgeräte oft stigmatisierend wirken, wird eine App auf einer alltäglichen Smartwatch als weniger auffällig empfunden. Dies fördert die langfristige Nutzung. Eine Verschreibung solcher Apps mit wenigen Fehlalarmen kann nicht nur die regelmäßige Nutzung sichern, sondern auch zuverlässige Warnungen für Betreuer liefern, um Todesfälle und andere Risiken durch tonisch-klonische Anfälle zu reduzieren. Ein wichtiger Einschränkung der Studie ist, dass alle Anfälle in einer kontrollierten Umgebung eines Epilepsie-Überwachungsunits auftraten. Es ist noch unklar, ob die Ergebnisse auf die vielfältigeren Bedingungen des täglichen Lebens übertragbar sind, in denen Menschen ihre Anfälle erleben. Dennoch liefern die Daten starke Indizien für das Potenzial dieser Technologie, die Lebensqualität und Sicherheit von Epilepsiepatienten zu verbessern.
