Harvey-CEO stellt interne Zahlen vor – trotz Reddit-Kritik
Ein Streit auf Reddit hat kürzlich die Aufmerksamkeit auf Harvey, einen AI-Startup im Rechtsbereich mit einer Bewertung von 5 Milliarden Dollar, gelenkt – nicht wegen eines juristischen Skandals, sondern wegen einer anonymen Behauptung, die die Glaubwürdigkeit des Unternehmens in Frage stellte. Ein angeblicher ehemaliger Mitarbeiter behauptete, dass die Nutzung der Plattform durch Anwälte gering sei, die Produkte vor allem von Erstjuristen genutzt würden und die niedrige Abwanderungsrate nur durch langfristige Verträge künstlich aufrechterhalten werde. Die Identität des Redditors blieb unbestätigt, und es gibt keine öffentlichen Beweise für seine Tätigkeit bei Harvey. Dennoch verbreitete sich die Geschichte rasch über LinkedIn und andere Plattformen, wo sie von Skeptikern, Unterstützern und Wettbewerbern aufgegriffen wurde. Harvey, gegründet von CEO Winston Weinberg, positioniert sich als vertrauenswürdige Alternative zu Big-Tech-Chatbots, die falsche Rechtsfälle erfinden oder Kundendaten missbrauchen könnten. Das Unternehmen verspricht eine intelligente Erweiterung des Rechtsberufs – nicht dessen Automatisierung. Seine Kunden umfassen große Kanzleien wie Latham & Watkins und Finanzinstitutionen wie Blue Owl Capital. Im Juni erhielt Harvey zudem eine strategische Partnerschaft mit LexisNexis, um Tools auf Basis dessen umfangreicher Rechtsdatenbanken zu entwickeln. Gegen die Kritik präsentierte Weinberg am Wochenende interne Zahlen: eine Umsatz-Retention von 98 % im dritten Quartal, eine Nutzung von 77 % der Plattform-Sitze und eine überwiegende Zahl früher Vertragsverlängerungen. Diese Daten stützen die Behauptung, dass die Plattform tatsächlich im Einsatz ist – trotz der Zweifel. Gleichzeitig wächst die Branche um Harvey herum: Startups wie Legora (Schweden), Supio und Eudia haben in der jüngeren Vergangenheit erhebliche Finanzierungsrunden abgeschlossen, da Investoren auf den Erfolg von Harvey setzen. Legora berichtete von einem Anstieg der Anfragen von 250 auf 400 in sechs Monaten und hat Kunden in 40 Ländern. Doch die Realität der Rechtsbranche bleibt komplex. Eine 2024 von der American Bar Association durchgeführte Umfrage zeigte, dass nur 30 % der Anwälte AI-Tools in ihrer Kanzlei nutzen – bei großen Kanzleien mit mehr als 500 Anwälten liegt der Anteil bei fast 50 %, bei Einzelpraxen unter 20 %. Dies deutet auf eine klare Kluft zwischen Interesse und praktischer Umsetzung hin. Industrieanalysten wie Zach Abramowitz sehen in der Reddit-Affäre weniger eine neue Erkenntnis als eine Bestätigung der Marktmacht von Harvey: „Die Geschichte war keine neue Information, sondern Katzenfutter für Harvey-Kritiker.“ Der Streit offenbart einen Widerspruch: Während Kritiker behaupten, dass die Plattform nicht genutzt werde, ist die Aufmerksamkeit um Harvey so groß, dass sie selbst als Indikator für Marktdominanz gilt. Harvey steht somit nicht nur für einen technologischen Anspruch, sondern auch für die Herausforderung, die sich aus der Kluft zwischen Marketing, Investorenhoffnung und tatsächlicher Rechtspraxis ergibt. Die Frage bleibt: Kann eine Plattform, die von ihrem Erfolg so viel Aufmerksamkeit erzeugt, auch den Alltag der Anwälte wirklich verändern – oder bleibt sie ein Symbol für eine Branche, die sich noch auf dem Weg zur Digitalisierung befindet?
