Vibe Coding gefährdet Enterprise-Software – technischer Schulden-Crash droht
Die sogenannte „Vibe Coding“-Praxis, bei der Entwickler KI-Vorschläge ohne tiefgreifende Verständnisprüfung akzeptieren, führt zu einer systematischen Verschlechterung der Softwarequalität in Unternehmen. Anstatt KI als Werkzeug zur Beschleunigung von Entwicklungsprozessen zu nutzen, wird sie als infallible Architektin behandelt, was zu inkonsistenten, schwer wartbaren und potenziell gefährlichen Codebasen führt. Die Folge ist eine exponentiell wachsende technische Schuld: KI-generierte Module mischen unterschiedliche Programmierparadigmen, Fehlerbehandlung ist unregelmäßig, Dokumentation fehlt, und Sicherheits- sowie Wartbarkeitsaspekte werden ignoriert. CI/CD-Pipelines passieren, obwohl die Codequalität nicht gewährleistet ist, da KI-Code oft „intelligente“ Workarounds findet, die Tests umgehen. API-Verträge werden unkontrolliert geändert, Abhängigkeiten wachsen chaotisch, und Leistungsprobleme treten erst unter Produktionslast auf – wo KI-optimierte Lösungen für Entwicklungsumgebungen nicht mehr taugen. Beobachtbarkeit bricht zusammen: Logging fehlt, Tracing wird unterbrochen, Ressourcenlecks entstehen, da KI auf Funktionalität, nicht auf Operations-Ready-Code optimiert. Die Folge: Systeme, die in Testumgebungen grün aussehen, stürzen in der Praxis ab. Kritisch ist, dass CTOs und technische Führungskräfte diese Entwicklung aktiv fördern, getrieben von verführerischen Metriken wie erhöhter Entwicklergeschwindigkeit, höheren Storypoints und steigender Zufriedenheit – ohne die versteckten Kosten zu sehen. Vendors nutzen diese Druck, indem sie nur Produktivitätsdemos zeigen und langfristige Wartbarkeit herunterspielen. Die Angst vor Innovationstheater und der Druck, „modern“ zu wirken, führen dazu, dass technische Disziplin aufgegeben wird. So entsteht ein Teufelskreis: Schnelle Lieferung führt zu mehr technischer Schuld, die wiederum die zukünftige Produktivität blockiert. Die Lösung liegt nicht im Verzicht auf KI, sondern in einer disziplinierten Integration: KI-Vorschläge müssen menschlich überprüft werden – nicht auf Syntax, sondern auf Architekturkonsistenz, Sicherheit, Dokumentation und Wartbarkeit. Es braucht klare Architekturrichtlinien, automatisierte technische Schuld-Erkennung, Integration in Sicherheits- und Dokumentationsprozesse sowie Tests, die Geschäftslogik prüfen, nicht nur Implementierungsdetails. Unternehmen, die diese Disziplin bewahren, werden langfristig Vorteile gegenüber jenen haben, die sich auf „Vibe Coding“ verlassen. Der nächste große Systemausfall, verursacht durch unmaintainable KI-Code, wird die Branche vor eine Entscheidung stellen: Entweder verantwortungsvolle technische Führung, oder Karriereende durch technische Schuld. Die Führungskräfte, die heute die Disziplin bewahren, werden in zehn Jahren als diejenigen gelten, die die Qualität bewahrt haben – nicht die, die nur schnell lieferten.
