Hungerstreik gegen die rasante Entwicklung von KI
Auf dem 17. Tag seines Hungerstreiks, der am 31. August begonnen hatte, sagte Guido Reichstadter, er fühle sich weiterhin gut – nur etwas langsamer in seinen Bewegungen. Täglich stand er von 11 bis 17 Uhr vor dem Hauptsitz von Anthropic in San Francisco, mit einem Schild, auf dem „Hungerstreik: Tag 15“ stand – eine kleine Ungenauigkeit, die die Dringlichkeit seiner Botschaft nicht minderte. Reichstadter fordert, den Wettlauf um künstliche allgemeine Intelligenz (AGI) zu beenden, ein Konzept, das eine künstliche Intelligenz voraussetzt, die menschliche kognitive Fähigkeiten übertrifft. Für ihn ist dieses Ziel nicht nur riskant, sondern existenziell bedrohlich. Er kritisiert die Haltung vieler Tech-CEO, die AGI als unausweichlich betrachten und sich selbst als verantwortungsbewusste „Wächter“ sehen – eine Haltung, die er als „Mythos“ und „selbstsüchtig“ bezeichnet. Sein Protest ist eine direkte Aufforderung an die Führungsetagen der KI-Industrie, sich persönlich mit der Verantwortung für die möglichen Folgen auseinanderzusetzen. Reichstadter zitiert ein Interview mit Anthropic-Chef Dario Amodei aus dem Jahr 2023, in dem dieser die Wahrscheinlichkeit einer katastrophalen Entwicklung auf 10 bis 25 Prozent schätzte – eine Zahl, die ihn schockierte. Er sieht in der KI-Entwicklung nicht nur technologische, sondern ethische und gesellschaftliche Gefahren, insbesondere die Verstärkung autoritärer Strukturen in den USA. Als Vater zweier Kinder sieht er seine Handlung als moralische Pflicht: „Ich will für meine Kinder und für die Zukunft meiner Mitmenschen etwas tun.“ Seine Botschaft richtet sich nicht nur an Anthropic, sondern an alle Beteiligten in der KI-Industrie. Er hofft, dass Mitarbeiter der Unternehmen ihre menschliche Verantwortung über ihre Unternehmensloyalität stellen und sich nicht nur als Werkzeuge der Technologie sehen. Sein Protest wurde von anderen weltweit aufgegriffen: In London begann Michael Trazzi mit einem Hungerstreik vor Google DeepMind, später folgte ein weiterer Aktivist in Indien. Trazzi, der nach sieben Tagen aufgrund von Gesundheitsproblemen aufgab, schickte eine offene Brief an DeepMind-Chef Demis Hassabis, in dem er einen globalen Stillstand der Entwicklung von Superintelligenz forderte, sofern alle großen Unternehmen mitmachten. Auch er erhielt keine Antwort. Die KI-Industrie reagiert mit Verweis auf Sicherheit und verantwortungsvolle Entwicklung. Google DeepMind betont, dass Sicherheit und verantwortungsvolle Governance Priorität haben. Dennoch bleibt die Kritik bestehen: Die aktuelle Entwicklung ist, wie Reichstadter sagt, ein „unkontrollierter globaler Wettlauf in die Katastrophe“. Die Hoffnung bleibt, dass die Aktionen die Führungsetagen zum Nachdenken bringen und zu konkreten Schritten führen – sei es durch Gespräche, Pause oder internationale Regulierung. Industrieanalysten sehen in den Aktionen ein Zeichen für eine wachsende gesellschaftliche Angst vor unkontrollierter KI-Entwicklung. Während die KI-Sicherheitsgemeinschaft uneinig über die genauen Risiken ist, stimmt sie darin überein, dass der gegenwärtige Weg für die Menschheit gefährlich ist. Die Proteste von Reichstadter und Trazzi markieren einen Wendepunkt: Sie zeigen, dass die KI-Debatte nicht mehr nur in Laboren und Boardrooms geführt wird, sondern auch auf der Straße. Obwohl die CEOs bisher schweigen, könnte die moralische Druckwelle, die durch die Hungerstreiks entsteht, langfristig die politische und ethische Landschaft der KI-Entwicklung verändern.
