Schulen sollen Schüler zu Gestaltern von KI machen, nicht nur zu Nutzern
Die britische Bildungswissenschaftlerin Professorin Rebecca Eynon vom Oxford Internet Institute und der Universität Oxford fordert eine grundlegende Umstellung im Schulunterricht, um Schülerinnen und Schüler nicht nur zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz zu befähigen, sondern sie aktiv als Gestalter der digitalen Zukunft zu befähigen. In einer aktuellen Stellungnahme betont sie, dass Schulen weit über das bloße Lehren von Programmieren hinausgehen müssen. Vielmehr solle der Unterricht darauf abzielen, junge Menschen zu kritischen, verantwortungsbewussten und inklusiven Akteuren in der digitalen Gesellschaft zu erziehen. Ihre Forschung im Rahmen des Projekts „Towards Equity-Focused EdTech“ zeigt, dass viele Jugendliche trotz der Annahme, sie seien digital geborene Experten, erhebliche Defizite in grundlegenden digitalen Fähigkeiten aufweisen – etwa beim Dateimanagement oder der E-Mail-Nutzung. Gleichzeitig fehlt es Lehrkräften oft an Klarheit, wie digitale Kompetenzen im Curriculum verankert werden können. Eynon schlägt drei zentrale Ansätze vor. Erstens: Kritische Medienbildung statt reiner Technikvermittlung. Digitale Bildung müsse über die Erkennung von Falschinformationen oder sichere Nutzung von KI-Tools hinausgehen. Schüler sollten verstehen, wie Algorithmen durch soziale, politische und wirtschaftliche Strukturen geprägt werden – beispielsweise wie Bias in KI-Systemen entsteht, wie Tech-Unternehmen mit Nutzerdaten profitieren oder wie Desinformationen sich verbreiten. Ziel sei es, junge Menschen nicht als passive Nutzer, sondern als kritische Bürger zu stärken, die Technologien hinterfragen und mitgestalten können. Zweitens: Inklusive Gestaltung. Eynon plädiert für einen praktischen, designbasierten Ansatz, bei dem Schülerinnen und Schüler digitale Werkzeuge entwickeln, die gesellschaftliche Ungerechtigkeiten sichtbar machen oder lokalen Bedürfnissen dienen. Solche Projekte – etwa die Analyse von Diskriminierung in KI-Systemen oder die Erstellung von Apps für benachteiligte Gruppen – verbinden technische Fähigkeiten mit sozialer Verantwortung. Dieser Ansatz sollte nicht nur im Informatikunterricht, sondern in allen Fächern verankert werden, um mehr Schüler:innen zu erreichen und sie in die digitale Zukunft einzubinden. Drittens: Gemeinsame Verantwortung. Eynon warnt davor, die gesamte Verantwortung für die ethischen, ökologischen und rechtlichen Herausforderungen von KI auf die Schulen und Jugendlichen abzuwälzen. Die gesellschaftliche Verantwortung für die Gestaltung von KI liege bei Regierungen, Bildungsträgern und Technologieunternehmen. Erst wenn alle Akteure zusammenarbeiten, kann eine nachhaltige, faire und inklusive KI-Entwicklung gelingen. Industrielle Experten begrüßen Eynons Ansatz als notwendigen Paradigmenwechsel. „Die Schule muss aufhören, KI als Black Box zu präsentieren, und stattdessen kritische Denkfähigkeiten fördern“, sagt ein Bildungstechnologe aus dem Silicon Valley. Unternehmen wie Google und Microsoft setzen bereits auf KI-Programme in Schulen, doch ohne kritische Reflexion bleiben sie oft oberflächlich. Eynons Forderung nach einer tiefgreifenden, wertegeleiteten Bildung setzt einen neuen Maßstab – nicht nur für die Bildung, sondern für die gesamte digitale Gesellschaft.
