Europa strebt nach künstlicher Intelligenz-Souveränität
Europa strebt nach größerer KI-Souveränität, wie eine neue Studie von Accenture zeigt. Die Umfrage unter 1.928 Organisationen in 28 Ländern und 18 Branchen, durchgeführt im Juli und August 2025, ergab, dass 62 % der europäischen Unternehmen souveräne KI-Lösungen anstreben, um ihre Daten und Infrastruktur unter Kontrolle zu halten – besonders in Zeiten geopolitischer Unsicherheit. Besonders stark ausgeprägt ist dieser Trend in Dänemark (80 %), Irland (72 %) und Deutschland (72 %). Sektoren mit strengen Datenschutzvorschriften wie Banken (76 %), öffentliche Verwaltung (69 %) und Energieversorger (70 %) führen die Einführung souveräner KI voran. In den nächsten zwei Jahren planen 60 % der Unternehmen, ihre Investitionen in souveräne KI zu erhöhen – besonders in Deutschland (73 %), Italien (71 %) und der Schweiz (64 %). Mauro Macchi, CEO von Accenture für EMEA, sieht in diesem Trend einen „KI-Paradoxon“: Während europäische Führungskräfte die Beschleunigung der KI-Nutzung für Innovation und Wachstum erkennen, befürchten sie gleichzeitig Abhängigkeiten von ausländischen Technologien. Eine souveräne KI-Strategie könne diesen Widerspruch lösen, indem sie Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit vereint. Accenture unterstützt beispielsweise Telia Cygate bei der Einführung skalierbarer und sicherer KI-Service-Lösungen in Schweden und kooperiert mit europäischen Infrastrukturanbietern wie dem niederländischen Nebius, einem KI-Cloud-Plattformbetreiber mit energieeffizienten Rechenzentren in Europa und im Nahen Osten. Nur 36 % der KI-Projekte in Europa erfordern eine souveräne Herangehensweise, hauptsächlich in sensiblen Bereichen wie Kapitalmärkten und öffentlichen Dienstleistungen. Gleichzeitig erkennt 65 % der Unternehmen an, dass sie ohne globale Technologieanbieter nicht wettbewerbsfähig bleiben können. 57 % sind offen für eine Kombination aus europäischen und nicht-europäischen souveränen Lösungen. Mauro Capo, Digital-Souveränitätsverantwortlicher bei Accenture EMEA, betont: „Souveränität bedeutet nicht, alles lokal zu halten. Es geht darum, bewusst zu entscheiden, wo Kontrolle über Daten, Infrastruktur und Modelle notwendig ist – je nach Anwendungsfall und nationalen Prioritäten.“ Bisher wird souveräne KI vor allem als Compliance- und Risikomanagement-Instrument gesehen: 48 % der Unternehmen nennen gesetzliche Vorgaben als Hauptmotivation, nur 19 % sehen darin einen Wettbewerbsvorteil. Lediglich 16 % haben die KI-Souveränität auf Chefetage oder Vorstandsebene auf die Agenda gesetzt. Dennoch wächst die Erkenntnis, dass staatliche Unterstützung entscheidend ist: 73 % der Organisationen fordern eine aktive Rolle der EU und nationaler Institutionen durch Regulierung, Förderung oder öffentliche Investitionen. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) gelten als Schlüsselakteure – 70 % sehen deren Zugang zu souveränen Lösungen als wichtig. Accenture empfiehlt vier Maßnahmen: KI-Souveränität als CEO-Anliegen zu etablieren, Souveränität von einer reinen Risikoprävention zu einer Quelle strategischen Werts zu machen, hybride Ökosysteme aufzubauen, die lokale Vertrauenswürdigkeit mit globaler Innovation verbinden, und eine Multi-Cloud-Architektur zu entwickeln, die Souveränität in allen Schichten – Daten, Infrastruktur, Modelle, Anwendungen – integriert. Die Studie zeigt: Europa steht vor einer entscheidenden Wahl – zwischen Abhängigkeit und Selbstbestimmung. Die richtige Balance könnte nicht nur Sicherheit schaffen, sondern auch neue Innovationspotenziale freisetzen.
