Gerichtsakten: KI-Chefs wussten um illegales Buchscraping
Ungeöffnete Gerichtsakten in der anhängigen Klage der Autorenvereinigung Authors Guild gegen OpenAI und Microsoft offenbaren, dass Führungskräfte beider Unternehmen das gezielte Training ihrer Sprachmodelle mit urheberrechtlich geschützten Werken für rechtswidrig hielten und die daraus resultierenden existenziellen Bedrohungen für menschliche Autorinnen und Autoren bewusst in Kauf nahmen. Die im September 2026 in New York eingereichten, nun veröffentlichten Schriftsätze markieren einen Wendepunkt im Rechtsstreit, da sie die innere Logik der KI-Entwicklung von Beginn an dokumentieren. Die Kläger, vertreten durch die Authors Guild und zahlreiche namhafte Schriftsteller, werfen den Technologiekonzernen systematische Urheberrechtsverletzungen vor, die durch den Abgriff von Datenbanken wie LibGen ermöglicht wurden. Interne Kommunikation belegt, dass Entscheidungsträger den wirtschaftlichen Schaden für den Literaturbetrieb früh kannten und strategisch ignorierten. Jack Clark, Policy Director bei OpenAI, erklärte bereits 2020, dass fortschreitende KI-Systeme menschliche Arbeitskraft ersetzen und Künstlerbedenken bewusst überstimmt werden würden. Tarun Gogineni, verantwortlich für die Textgenerierung, sah den Einsatz von Modellen zur automatischen Vervollständigung bestehender Romane als legitimes Forschungsziel an und stufte Klagen der Autoren als akzeptable wirtschaftliche Verwerfungen ein. Stattdessen warnte er vor einer künftigen Ökonomie, in der Maschinen Inhalte für Maschinen produzieren, was er als das Ende der Lesekultur charakterisierte. Microsoft war bereits im April 2019 über die Nutzung umstrittener Datenquellen informiert, als Sam Altman und Dario Amodei den Mitbegründer Bill Gates und Chief Technology Officer Kevin Scott auf das Vorhaben aufmerksam machten. Trotz interner Bedenken, insbesondere seitens Amodei, der LibGen als skurril einstufte, dominierte die Sorge vor negativer Publicity gegenüber der eigentlichen Rechtslage. Die Unternehmen priorisierten technische Durchbrüche über Compliance-Prüfungen. Im Sommer 2022 initiierte OpenAI die interne Operation Project Clear, bei der systematisch Verweise auf die Datenquelle aus Slack, GitHub und internen Dokumentationen gelöscht wurden, um Spuren zu verwischen. Mary Rasenberger, CEO der Authors Guild, betont, dass die dokumentierten Entscheidungen auf einer bewussten Verachtung literarischer Arbeit beruhen und die Existenzgrundlage tausender Schriftsteller bedrohen. Die Klage, geleitet von der Kanzlei Susman Godfrey, wird vor dem Bundesgericht in Manhattan verhandelt. Basierend auf den jüngsten Enthüllungen erwartet die Anwaltschaft weitere Verfahrensschritte und eine mündliche Verhandlung für Anfang 2027. Die Akten legen den Grundstein für eine Präzedenzententscheidung darüber, inwieweit algorithmisches Training auf urheberrechtlich geschütztem Kulturgut rechtlich zulässig ist und welche wirtschaftlichen sowie kulturellen Folgen der ungebremsten Automatisierung von kreativen Prozessen zugesprochen werden.
