Reddit: Verschwörer per Sprache
Linguistische Fingerabdrücke identifizieren Verschwörungstheorie-Nutzer auf Reddit Forscher des Politecnico di Milano, der École Polytechnique Fédérale de Lausanne und des CENTAI Institute haben nachgewiesen, dass Nutzer von Verschwörungsgemeinschaften auf Reddit bereits in scheinbar neutralen Diskussionen über Filme, Musik oder Wissenschaft spezifische sprachliche Merkmale aufweisen. Die Untersuchung, geleitet von Francesco Corso und Francesco Pierri des Politecnico di Milano sowie Giuseppe Russo und Gianmarco De Francisci Morales, basiert auf der Auswertung von 500 Millionen Kommentaren aus über zwanzig großen Reddit-Communities. Ziel war es, zu prüfen, ob sich die Zugehörigkeit zu der Subreddit-Gruppe r/conspiracy ausschließlich an der Kommunikationsweise im Mainstream festmachen lässt. Die Analyse nutzt psycholinguistische Tools und künstliche Intelligenz, um Nutzerprofile zu charakterisieren. Das Ergebnis zeigt eine durchschnittliche Treffsicherheit von achtzig Prozent bei der Identifizierung dieser Nutzer, selbst wenn deren Beiträge mehrere Jahre vor einem expliziten Einstieg in Verschwörungsgemeinschaften entstanden sind. Dominante Merkmale sind ein höherer Anteil an Wörtern, die Wut, Angst, Konflikte, Krankheiten oder den Tod thematisieren, sowie eine generell stärkere Nutzung aggressiver und emotional aufgeladener Ausdrücke. Trotz dieser klaren Muster existiert demnach keine einheitliche Verschwörungssprache. Die Nutzer passen ihren Sprachgebrauch flexibel an die Normen der jeweiligen Online-Community an. Daher erwiesen sich auf einzelne Communities optimierte Modelle als deutlich effektiver als generische Plattform-übergreifende Ansätze. Dieser Befund erfordert die Entwicklung kontextsensitiver Moderations- und Monitoring-Systeme, die der Heterogenität digitaler Räume gerecht werden. Die Erkenntnisse des Politecnico di Milano wurden für die ACL 2026 angenommen und sind vorab auf dem Preprint-Server arXiv veröffentlicht. Parallel dazu arbeitet das Forschungsteam an einer zweiten Studie, die auf der AAAI-Konferenz für Web und Soziale Medien vorgestellt wird. Diese analysiert die Dynamiken um die Epstein-Affäre und zeigt, dass eine plötzliche Sichtbarkeit von r/conspiracy zwar kurzfristig neue Akteure anzieht, deren langfristige Integration in die Gemeinschaft jedoch nicht automatisch erfolgt. Die Forschungen liefern wesentliche Impulse für das Verständnis von Radikalisierungsprozessen und der viralen Verbreitung von Verschwörungsnarrativen im Internet. Sie unterstreichen die Dringlichkeit, algorithmische Überwachungstools so zu weiterzuentwickeln, dass sie nicht nur reaktiv, sondern kontextuell präzise auf die vielfältigen Sprachmuster digitaler Gemeinschaften reagieren können.
