Medvi mit KI-Arzt in Schwierigkeiten
Das Telemedizin-Start-up Medvi steht unter Beschuss, nachdem bekannt wurde, dass es in seiner aggressiven Marketingkampagne möglicherweise AI-generierte fiktive Ärzte verwendet hat. Das Unternehmen, das laut New York Times 2023 einen Umsatz von 401 Millionen Dollar erwirtschaftete und diesen Jahr auf 1,8 Milliarden Dollar prognostiziert, verlässt sich stark auf Affiliate-Marketer. Sein Gründer Matthew Gallagher bestätigte, dass rund 30 Prozent der Werbung über diese Partnerschaften laufen. Eine Überprüfung der Meta-Werbelibraries ergab jedoch Besorgnis erregende Praktiken. Mehrere Affiliate-Konten bewarben Medvis Medikamente zur Gewichtsabnahme und Produkte zur Verbesserung der männlichen Leistungsfähigkeit unter dem Deckmantel fiktiver Ärzte. Bei diesen Profilen zeigten sich deutliche Anzeichen künstlicher Generierung, darunter unlesbare Texte auf Bildern und Wasserzeichen von KI-Modellen wie Gemini. Ein Beispiel ist das Profil „Dr. Matthew Anderson MD", das eine Angola-Telefonnummer führte und zuvor anscheinend ein Gospelmusiker war. Ein anderes Profil „Dr. Spencer Langford MD" wies Kontaktdaten eines Bekleidungsgeschäfts in der Republik Kongo auf. Als Business Insider auf diese Vorfälle aufmerksam machte, entfernten einige Werbeträger den suffix „MD" oder nutzten identische Fotos auf verschiedenen Konten. Nach der Intervention sank die Anzahl der aktiven Werbekampagnen im Meta-System von über 5.000 auf etwa 2.800. Gallagher verteidigte das Unternehmen und verwies auf eine klare Richtlinie, die der Vorschrift der US-amerikanischen Wettbewerbsbehörde FTC (Federal Trade Commission) entspricht: Affiliates müssten AI-Darstellungen von Ärzten offenlegen oder ganz vermeiden. Dennoch fehlten bei den kritisierten Seiten solche Hinweise. Die National Consumers League forderte bereits im September eine Untersuchung gegen Medvi und andere Anbieter, da Begriffe wie „von Experten empfohlen" Verbraucher über die Sicherheit der verschreibungspflichtigen Medikamente täuschen könnten. Die rechtliche Lage ist für Medvi angespannt. Die FDA warnte das Unternehmen bereits im Februar, weil auf einer Webseite, die angeblich von einem Affiliate betrieben wurde, falsche Vergleiche mit FDA-zugelassenen Medikamenten gezogen wurden. Gallagher bestritt, für diese spezifische Domain verantwortlich zu sein, behauptete jedoch, der Affiliate habe die Seite nach der Warnung deaktiviert. Zudem wurde Medvi in den letzten elf Monaten drei Mal verklagt, unter anderem wegen Verstoßes gegen Spam-Gesetze durch unangemeldete Textnachrichten. Das Unternehmen bestreitet jeden unrechtmäßigen Handel. Die Probleme von Medvi spiegeln größere Herausforderungen der gesamten Telemedizin-Branche wider, die seit der Pandemie boomt, aber zunehmend mit regulatorischen Schritten konfrontiert wird. Unternehmen wie Cerebral wurden bereits wegen übermäßiger Verschreibung und Abrechnungsmissbrauch zur Kasse gebeten. Branchenexperten warnen, dass die regulatorische Aufsicht mit der Flut an illegalen Anbietern kaum Schritt halten kann. Während Medvi betont, eine strikte Sperrung gegen Spam zu betreiben, bleiben Zweifel an der effektiven Überwachung seiner Vertriebspartner bestehen. Die Nutzung von KI zur Erstellung von Marketingmaterialien, die als menschlich getarnt ist, wirft erneut Fragen nach der ethischen Grenzen des Online-Handels auf.
