Biosicherheit muss menschliche Funktionsfähigkeit schützen
Biosecurity muss den Schutz der menschlichen Funktionsfähigkeit priorisieren. Dies ist die zentrale Forderung von Nicolas Paccini in einem am 22. September 2026 in Marseille veröffentlichten Kommentar im Fachjournal Nature. Die Einschätzung entstand im direkten Kontext aktueller Debatten über künstliche Intelligenz, die das technische Potenzial birgt, biologische Bedrohungen zielgerichtet zu konstruieren. Paccini argumentiert, dass sich Sicherheitsstrategien historisch stark auf die Verhinderung von Massensterben fokussiert haben, während die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Handlungsfähigkeit im Schadensszenario zu kurz kommt. Als natürliche Warnsignale führt der Autor schwere Verläufe von ME/CFS an. Betroffene sind häufig immobil, auf kontinuierliche Pflege angewiesen und reagieren stark auf äußere Reize. Ähnliche postinfektiöse Langzeitfolgen zeigten sich bereits im größeren Maßstab während der COVID-19-Pandemie. Diese Erkrankungen verdeutlichen eine entscheidende Diskrepanz: Reine Überlebensraten bilden nicht die funktionale Sicherheit einer Nation ab. Ein biologischer Vorfall muss nicht zwangsläufig tödlich sein, um kritische Infrastrukturen, Lieferketten und die kollektive Arbeitsfähigkeit nachhaltig zu lähmen. Vor dem Hintergrund rasant fortschreitender KI-gestützter Biotechnologie und automatisierter Laborplattformen verlangt diese Erkenntnis nach einer strukturellen Neuausrichtung der Biosecurity. Statt nur auf akute Letalität als primären Schadensindikator zu setzen, müssen Risikoanalysen, Warnsysteme und Abwehrmaßnahmen künftig auch nicht-tödliche, aber funktionszerstörende Effekte auf Bevölkerung und Volkswirtschaften integrieren. Nur so lässt sich das tatsächliche Bedrohungspotenzial neuartiger biologischer Werkzeuge präzise quantifizieren und durch evidenzbasierte Governance-Maßnahmen abmildern. Die Veröffentlichung markiert damit einen strategischen Wendepunkt in der Technologie- und Gesundheitspolitik. Sie unterstreicht den unmittelbaren Bedarf an Resilienzkonzepten, die im Ernstfall nicht nur akute medizinische Versorgung sicherstellen, sondern vorrangig die operative Funktionsfähigkeit von Staat und Wirtschaft bewahren.
