Startup-Wahnsinn: AI-Talente im Fokus
Ein auffälliges Werbeplakat über Nob Hill in San Francisco, das nur „https://“ und eine Reihe von Zahlen zeigte, wurde zum Symbol einer neuen Ära im Wettbewerb um KI-Talente. Alfred Wahlforss, CEO des Startups Listen Labs, nutzte das Rätsel, um potenzielle Ingenieure anzulocken – wer das Code-Enigma löste, erhielt eine Einladung zu einem exklusiven Aufenthalt in Berlin und Zugang zur legendären Nachtclub-Berghain. Die Aktion war ein Erfolg: Millionen sahen das Plakat online, 10.000 Menschen meldeten sich an, und rund 60 Interviews fanden statt. Doch hinter dem Erfolg steht eine tiefe Krise: Selbst gut finanzierte Startups wie Listen Labs, das von Sequoia mit 27 Millionen Dollar unterstützt wird, kämpfen um die besten KI-Experten. „Wir geben Milliarden aus, um nur auf Ingenieure aufmerksam zu machen – nicht auf das Unternehmen“, sagt Wahlforss. Die Konkurrenz ist brutal: Ein ehemaliger High-School-Absolvent kann bei OpenAI laut Wahlforss jährlich zwei Millionen Dollar verdienen. Um zu überzeugen, greifen Gründer auf extreme Maßnahmen zurück. Wahlforss’ Co-Gründer brachte einem Kandidaten, der Radfahren liebte, ein hochwertiges Carbon-Rennrad vorbei – ein Erfolg, der den Bewerber von anderen Angeboten abzog. Ähnliche Geschichten gibt es bei anderen Startups: Austin Hughes von Unify ließ ein Portrait eines Kandidaten malen, doch OpenAI bot dreimal mehr Gehalt – der Kandidat nahm das Geld und behielt das Bild. Jesse Zhang von Decagon, einem 1,5-Milliarden-Dollar-werten AI-Startup, reiste sogar in die South Bay, um mit der Familie eines Kandidaten zu sprechen. Obwohl man fancy Dinners mit Investoren wie Accel und Courtside-Tickets der Golden State Warriors anbietet, bleibt der entscheidende Faktor oft: persönliche Kontakte. „Alle unsere ersten 100 Senior-Hires kannten wir persönlich“, sagt Zhang. Hughes nutzt sogar ein gemeinsames Google Sheet, um LinkedIn-Netzwerke zu analysieren und die besten Kandidaten über Verbindungen zu finden. Die gesuchte Person? Ein „AI-Product-Engineer“ – ein Techniker, der mit den neuesten KI-Tools arbeitet, ohne „Schrott“ zu liefern, und gleichzeitig produktorientiert denkt wie ein Product Manager. Diese Kombination ist selten: Nach Wahlforss gibt es weltweit höchstens ein paar tausend solche Talente, jeder mit zehn Angeboten gleichzeitig. Obwohl OpenAI und Anthropic weiterhin Top-Plätze sind, verlieren sie zunehmend ihren Alleinstellungsmerkmal – sie werden als Teil der „Big Tech“-Welt wahrgenommen. Der Vorteil für Startups liegt nun darin, dass sie versprechen: „Du kannst fast wie ein Mini-Gründer agieren, Produkte von Anfang bis Ende bauen.“ Obwohl Top-Investoren und starke Marken helfen, zählen sie weniger – viele Startups sind mittlerweile gut finanziert. Zhang glaubt, dass die Hype-Phase nicht ewig dauern wird: „Es gibt zu viel Kapital, zu viele KI-Startups. Der Ballon wird platzen, aber wann? Niemand weiß es.“ Die Jagd nach Talenten ist längst kein vorübergehendes Phänomen, sondern eine neue Normalität im Tech-Ökosystem.
