KI-entwurfenes Auto kommt näher
Die Automobilindustrie befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel, bei dem künstliche Intelligenz (KI) zunehmend eingesetzt wird, um den seit Jahrhunderten bestehenden Entwicklungsprozess für neue Fahrzeuge zu beschleunigen. Traditionell dauerte die Phase von der ersten Skizze bis zum Serienfahrzeug fünf Jahre oder länger, da das Design mühsam von Hand verfeinert und in physische Modelle oder digitale 3D-Entwürfe überführt wurde. Dieser Prozess begann oft mit Ideen, die zu Beginn der 2020er Jahre entstanden, als Elektrofahrzeuge noch stark gefördert wurden. Mit dem politischen Wandel, einschließlich der Kürzung von Fördermitteln für E-Fahrzeuge und der Erhöhung von Zöllen, stehen Hersteller nun unter Druck, ihre Produktion schneller an veränderte Marktbedingungen anzupassen. Als Reaktion darauf setzen Unternehmen wie General Motors (GM) auf KI-gestützte Werkzeuge, um die Entwicklungszeit erheblich zu verkürzen. Dan Shapiro, kreativer Designer bei GM, demonstrierte, wie handgezeichnete Skizzen durch KI-Tools in Stunden in realistische 3D-Modelle und Animationen verwandelt werden. Was früher mehrere Teams über Monate hinweg beanspruchte, geschieht nun dank Technologie in kürzester Zeit. Die KI dient dabei jedoch nicht als Ersatzer, sondern als Hilfsmittel zur schnellen Visualisierung. Die endgültigen ästhetischen und markenspezifischen Entscheidungen bleiben fest in der Hand menschlicher Designer. Parallel zur Gestaltung wird auch die technische Entwicklung revolutioniert. Computergestützte Strömungssimulationen (CFD), die für die Aerodynamik und Reichweite von Fahrzeugen entscheidend sind, wurden durch neuronale Netze des Schweizer Unternehmens Neural Concept dramatisch beschleunigt. Aufgaben, die zuvor Stunden auf Supercomputern benötigten, lassen sich nun in Minuten auf Grafikkarten durchführen. Jaguar Land Rover und GM nutzen diese Technologien, um in Echtzeit Feedback zu Entwurfsänderungen zu erhalten. Ein von KI betriebener virtueller Windkanal ermöglicht es Ingenieuren und Designern, sofort die Auswirkungen von Formänderungen auf den Luftwiderstand zu sehen, was zu einem agileren und iterativeren Arbeitsfluss führt. Auch in der Softwareentwicklung, einem wachsenden Faktor für moderne Fahrzeuge, setzt die Industrie auf Automatisierung. Nissan plant, durch KI-generierten Code manuelle Aufgaben wie Unit-Tests zu automatisieren, um sowohl Geschwindigkeit als auch Qualität zu steigern. Die allgemeine Hoffnung der Hersteller ist es, die Produktivität der Mitarbeiter zu steigern, indem sie von monotonen Aufgaben befreit werden, nicht jedoch, Arbeitsplätze abzubauen. Vertreter von GM und Neural Concept betonen, dass ihre Plattformen Teams verstärken sollen, statt sie zu ersetzen. Diese Aussage wird jedoch von Experten kritisch betrachtet. Matteo Licata, Professor für Design in Turin, warnt, dass die massive Steigerung der Effizienz langfristig unvermeidlich zu Personalabbau in Designstudios führen wird. Für angehende Designer könnte dies die Eintrittsbarrieren weiter erhöhen. Während einige Hersteller, wie Dodge, bei Marketingkampagnen bereits durch fehlerhafte KI-generierte Bilder enttäuschen, setzen andere auf eine schnellere Markteinführung. Nissan strebt nun ein Ziel von nur noch 30 Monaten für die Entwicklung neuer Modelle an. Ob diese beschleunigten Prozesse ausreichen, um im Wettbewerb zu bestehen, zeigt sich erst in Zukunft. Die Branche steht am Anfang einer Ära, in der Geschwindigkeit und menschliche Urteilskraft in ständigem Spannungsverhältnis zueinander stehen werden.
