Elektrizitätszugang treibt Wert von Core Scientific in AI-Boom an
In weniger als zwei Jahren hat Core Scientific sich von einem bankrotten Kryptomining-Unternehmen zu einem hochbewerteten Akquisitionskandidaten mit einem geschätzten Wert von 9 Milliarden US-Dollar entwickelt. Der Wandel ist das Ergebnis einer strategischen Neuausrichtung: Statt auf Kryptomining setzt das Unternehmen nun auf die rasante Nachfrage nach Rechenleistung für künstliche Intelligenz (KI) und positioniert sich als Anbieter von Data-Center-Infrastruktur. Zentrales Asset dabei ist der Zugang zu Elektrizität – ein knappes Gut, das die gesamte Branche herausfordert. Die Nachfrage nach Energie für Data Centers steigt rasant, während die Stromnetze in den USA kaum nachkommen können. Laut einer Studie von CBRE ist die Baupipeline für neue Data Centers in den ersten sechs Monaten 2025 um 17,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr geschrumpft – nicht wegen fehlender Nachfrage, sondern wegen der knappen Verfügbarkeit von Netzzugängen und Stromlieferverträgen. Im Juli vereinbarte CoreWeave, ein mit rund 60 Milliarden Dollar bewertetes Data-Center-Unternehmen, eine Aktientauschfusion mit Core Scientific, die den Wert von Core Scientific auf etwa 9 Milliarden Dollar setzte. Doch Anfang September legte einer der größten Aktionäre, die Investmentfirma Two Seas Capital, einen Entwurf für eine Proxyletter vor, in der sie Aktionäre auffordert, gegen den Deal zu stimmen – mit der Begründung, dass der Preis zu niedrig sei. In dem Schreiben betont die Firma, dass Core Scientific über einen entscheidenden Vorteil verfügt: Zugang zu kostengünstigem Strom und die Fähigkeit, kurzfristig weitere Energielieferungen zu sichern. Diese Fähigkeit sei „ein kritischer Wettbewerbsvorteil“, der das Unternehmen in eine führende Position bringen könnte. Der geplante Zusammenschluss würde CoreWeaves Kapazität auf über 2 Gigawatt erhöhen – etwa ein Drittel der durchschnittlichen Strombelastung von New York City. Analysten wie Kevin Dede von H.C. Wainwright sehen in der Stromzulassung den entscheidenden Faktor: „Die größte Herausforderung in der Branche ist nicht Kapital, sondern der Zugang zu Strom.“ Die McKinsey-Schätzung prognostiziert, dass bis 2030 ein Bedarf von 80 Gigawatt für Data Centers entsteht – mehr als dreimal so viel wie heute. Dafür werden bis Ende der Dekade 2,8 Billionen Dollar investiert. In diesem Umfeld boomt der M&A-Markt: 2025 wurden bereits 46,1 Milliarden Dollar an Data-Center-Übernahmen abgeschlossen, weitere 34 Milliarden stehen noch aus. Große Investoren wie Apollo, Snowhawk und Nuveen suchen gezielt Unternehmen mit großem Strompotenzial – wie Stream (über 4 Gigawatt) oder Prime (4-Gigawatt-Entwicklungspfad). Auch Goldman Sachs warnt, dass die Stromversorgung bis 2028 jährlich um etwa 10 Prozent hinter dem Bedarf zurückbleiben wird. Die Folge: Data-Center-Betreiber drängen in abgelegene Regionen wie Ellendale, Nord-Dakota, wo Infrastruktur noch nicht ausgelastet ist. So hat CoreWeave bereits 250 Megawatt in einem Projekt von Applied Digital angemietet und die Option für eine weitere Erweiterung um 150 Megawatt genutzt – ein klares Zeichen für die Konkurrenz um Stromressourcen. Bewertung: Die Entwicklung von Core Scientific zeigt, dass in der KI-Ära Strom nicht mehr nur eine Betriebskosteneinheit ist, sondern ein strategisches Asset. Experten wie Dinsdale von Synergy Research Group betonen, dass der Zugang zu Energie heute die entscheidende Hürde für Wachstum und Innovation ist. Die Fokussierung auf „powered land“ – land mit vertraglich gesichertem Strom – wird zum Maßstab für Investitionen. Der Konflikt um die Core Scientific-Akquisition ist daher kein bloßes M&A-Intermezzo, sondern ein Spiegelbild der fundamentalen Umwälzung in der digitalen Infrastruktur – wo Elektronen nun wertvoller sind als je zuvor.
