Vier-Tage-Woche: Traum auf Eis durch Rückkehr zur Büroarbeit und KI-Boom
Der Traum vom vier-tägigen Arbeitswoche scheint vorerst auf Eis gelegt zu sein. Nach der Pandemie, als viele Arbeitnehmer aufgrund von Homeoffice und veränderter Arbeitskulturen Hoffnung auf eine verkürzte Arbeitszeit mit gleichbleibendem Gehalt hegten, hat sich die Stimmung im Arbeitsleben grundlegend gewandelt. Heute dominieren Rückkehr-zur-Arbeit-Befehle, steigender Leistungsdruck und die Verbreitung von Arbeitsmottos wie „9-9-6“ – sechs Tage von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends – die Diskussion. Diese Entwicklung steht im krassen Gegensatz zu den Versuchen, die Arbeitszeit zu reduzieren, die in Ländern wie Großbritannien, Neuseeland und den USA durch Pilotprojekte von Wissenschaftlern wie Juliet Schor aus Boston College gezeigt haben: Weniger Arbeitszeit führte zu höherer Zufriedenheit, weniger Burnout und keine Produktivitätsverluste. Doch die aktuelle Wirtschaftslage, eine schwache Nachfrage nach Arbeitskräften und die Fokussierung von CEOs auf Disziplin und Effizienz haben die Debatte verlangsamt. Laut Vishal Reddy von der Nonprofit-Organisation WorkFour ist der Rückzug von flexiblen Arbeitsmodellen auch eine Art „Leistungszeichen“ an Investoren und Aufsichtsräte. Zudem ist das Konzept des vier-tägigen Wochenendes nicht mehr so neu wie 2020 und 2021, als es als attraktives Instrument zur Mitarbeiterbindung diente. Die Idee ist nun weniger ein Trend, sondern eine langfristige Vision, die auf eine Veränderung des Marktes wartet. Ein möglicher Treiber für eine Neuausrichtung könnte Künstliche Intelligenz sein. Pavel Shynkarenko, CEO von Mellow, sieht in AI ein Instrument, das die Produktivität so stark steigern könnte, dass eine Reduzierung der Arbeitszeit wirtschaftlich tragbar wird. AI könnte nicht nur die Effizienz erhöhen, sondern auch dazu beitragen, dass mehr Menschen beschäftigt bleiben, wenn Roboter Routineaufgaben übernehmen. In der Zukunft könnte selbst ein vier-tägiger Arbeitstag überflüssig werden – möglicherweise reicht dann ein zwei-tägiger. Doch bis dahin bleibt die Realität hart: In branchenintensiven Sektoren wie der Technologie wird ein verkürzter Wochenplan als Wettbewerbsnachteil angesehen, und Kostenpressuren lassen wenig Raum für Experimente. Zusätzlich wirkt sich ein psychologischer Faktor aus: Viele Arbeitnehmer empfinden Schuldgefühle, wenn sie weniger arbeiten, selbst wenn die Leistung stabil bleibt. Der ehemalige CEO von 4 Day Week Global, Dale Whelehan, betont, dass diese innere Scham aus der Kultur des ständigen Leistungsdrucks stammt. Dennoch bleiben die Vorteile für Gesundheit und Unternehmenserfolg unbestritten. Obwohl die Debatte vorerst verstummt ist, gibt es Anzeichen für eine Wiederauferstehung: In New York und Maine laufen Gesetzesvorschläge für Pilotprojekte. Und in vielen Unternehmen, die bereits auf vier Tage umgestellt haben, kehren sie nicht zurück. Die Wende mag verzögert sein, aber der Wunsch nach mehr Freizeit und bessere Work-Life-Balance bleibt lebendig. Die Antwort liegt nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der kulturellen Umstellung – und in der Hoffnung, dass Technologie und gesellschaftliche Veränderung endlich die Voraussetzungen schaffen, um die 4-Tage-Woche endlich wahr zu machen.
