AI-Abhängigkeit gefährdet berufliche Kompetenzen
Viele Führungskräfte befürchten, dass die zunehmende Nutzung von Künstlicher Intelligenz zu einem Verlust von Schlüsselkompetenzen führt. Ein neuer Forschungsbericht der Wharton School der University of Pennsylvania, basierend auf einer Umfrage unter fast 800 Entscheidungsträgern großer US-Unternehmen, zeigt, dass fast drei Viertel der Befragten AI-Tools zur Effizienzsteigerung beitragen, während 43 Prozent befürchten, dass diese Technologien zu einer „Fähigkeitsatrophie“ führen könnten – also dass Mitarbeiter grundlegende Aufgaben nicht mehr selbstständig bewältigen können. Der Senior-Softwareingenieur Jacob Adamson von der Daten-Sicherheitsfirma Varonis erlebte dies persönlich: Als ein AI-Tool, das er für die Codeerstellung nutzte, ausfiel, war er zunächst überfordert und fühlte sich „verrostet“. Er fürchtet nun, dass auch seine fünf Mitarbeiter durch zu starke Abhängigkeit von KI ihre Fähigkeiten verlieren könnten. Um dies zu verhindern, plant er gezielte Übungen, bei denen die Teams ausschließlich ohne KI-Unterstützung codieren müssen. Andere Führungskräfte teilen diese Sorge. Sandor Nyako, Manager von 50 Softwareentwicklern bei einem großen Technologieunternehmen, betont, dass KI zwar die Produktivität steigert, aber zu einer Überreliance führen könne, die kritisches Denken und Problemlösungsfähigkeiten untergräbt. „Wenn wir zu sehr auf KI setzen, könnten wir uns selbst entwerten“, warnt er. Er sieht die Fähigkeit, eigenständig zu denken, als essenziell für Innovation und berufliche Entwicklung. Die Angst vor einer „Entmündigung“ durch Technologie ist nicht neu: Ähnliche Debatten gab es schon bei der Einführung von Pferden, Autos oder Taschenrechnern. Phil Gilbert, ehemaliger Designchef bei IBM, argumentiert jedoch, dass der Fokus auf Ergebnisse statt auf die Mittel entscheidend sei. „Wenn man mit einem Auto fahren kann, braucht man nicht mehr zu wissen, wie man ein Pferd zähmt“, sagt er. Solange Mitarbeiter die Grundlagen ihres Fachwissens verstehen, sei die Nutzung von KI kein Problem – vergleichbar mit dem Einsatz von Wörterbüchern oder Rechtschreibprüfungen. Tatsächlich erfordert die effektive Nutzung von KI neue Fähigkeiten, wie das Schreiben präziser Prompts. Bob Chapman, ehemaliger CEO von Barry-Wehmiller, betont, dass das „Lernen, wie man KI nutzt“, künftig eine zentrale Kompetenz sein wird. Gleichzeitig warnen viele Experten davor, dass zu viel Vertrauen in KI zu einem Verlust grundlegender Fähigkeiten führen könnte – besonders bei jüngeren Arbeitnehmern, die nur mit KI aufgewachsen sind. Adamson warnt: „AI liefert noch nicht immer korrekte Ergebnisse. Wenn wir uns darauf verlassen, ohne die Grundlagen zu verstehen, sind wir gefährdet.“ Die Debatte zeigt ein Spannungsfeld zwischen Effizienz und Kompetenzerhalt. Während einige die KI als Werkzeug zur Entlastung sehen, warnen andere vor einer langfristigen Schwächung menschlicher Fähigkeiten. Die Lösung könnte darin liegen, einen ausgewogenen Umgang zu fördern: KI als Unterstützung, aber nicht als Ersatz für kritisches Denken und praktische Erfahrung.
