Erster-Jahres-Anwalt baut mit KI-Spitzensystem Harvey ein Milliarden-Startup
Winston Weinberg, ein erstjähriger Rechtsanwalt bei O’Melveny & Myers, und sein Mitgründer Gabe Pereyra, damals bei Meta tätig, entdeckten 2022 die transformative Kraft von KI in der Rechtsbranche, als sie GPT-3 für einen Landlord-Tenant-Fall nutzten. Nach einer präzisen, kaskadenartigen Prompt-Strategie, die auf kalifornischem Mietrecht basierte, erzielten sie mit 86 von 100 juristischen Frage-Antwort-Paaren eine Zustimmung von mindestens zwei von drei Anwälten – ohne dass sie KI erwähnten. Dieser Moment war der Wendepunkt. Sie schickten eine kühne E-Mail an Sam Altman und Jason Kwon von OpenAI, die am 4. Juli 2023 sofort reagierten. OpenAI investierte als erster institutioneller Investor, führte sie zu frühen Investoren wie Sarah Guo und Elad Gil und öffnete die Türen zu einer Welle von Finanzierungsrunden. In nur acht Monaten stieg die Bewertung von Harvey von 3 auf 8 Milliarden US-Dollar, getragen von 235 Kunden in 63 Ländern – darunter die meisten der Top-10-amerikanischen Anwaltskanzleien – und über 100 Millionen US-Dollar Jahreslaufende Einnahmen (ARR) im August 2025. Harvey unterscheidet sich von anderen KI-Tools durch seinen „multiplayer“-Ansatz: Ein Plattformmodell, das sicher zwischen internen Rechtsabteilungen und externen Kanzleien kommuniziert, während ethische Mauern und datenschutzrechtliche Vorschriften – etwa in Deutschland oder Australien – eingehalten werden. Diese Herausforderung ist technisch hochkomplex, da jeder Jurist Zugriff auf bestimmte Daten erhalten muss, ohne Datenverluste oder Verstöße gegen die Berufsordnung zu riskieren. Weinberg betont, dass Sicherheit und Zugriffssteuerung Priorität haben und dass die erste skalierbare Version Ende Dezember 2025 verfügbar sein wird. Die Hauptnutzungen von Harvey liegen heute in der Dokumentenerstellung, Rechtsrecherche (mittels Partnerschaft mit LexisNexis) und der Analyse großer Dokumentensammlungen – etwa bei Due Diligence oder Prozessen. Während Anfangs M&A- und Fondsbildungsprozesse dominierten, wächst der Einsatz im Bereich der Rechtsstreitigkeiten rasant. Ein Schlüssel zur Expansion war die Rückkoppelung durch Kanzleien: Sobald eine Kanzlei Harvey nutzte, empfahl sie es ihren Kunden – eine organische Verbreitung, die durch die bereits bestehenden Kundenbeziehungen erleichtert wurde. Gegenüber der Kritik, Harvey sei nur ein „ChatGPT-Wrapper“, argumentiert Weinberg mit zwei entscheidenden Vorteilen: Erstens sammelt das Unternehmen einzigartige Workflow-Daten, die zur Bewertung von KI-Performance und zur Entwicklung selbstbewertender Systeme dienen – ein schwer nachzuahmender Wettbewerbsvorteil. Zweitens ist Harvey die einzige Plattform, die nahtlos zwischen Kanzleien und Unternehmensrechtsabteilungen arbeitet, was die Branche in eine neue, kooperative Ära führt. Der Geschäftsmodellwechsel von reiner Sitzlizenzierung hin zu ergebnisbasiertem Pricing spiegelt die Reife des Produkts wider. Obwohl KI derzeit nicht die gesamte M&A-Vertragsarbeit ersetzen kann, automatisiert sie bereits erste Schritte – wie die Erstellung von Disclosure-Listen – und ermöglicht so eine effizientere Ausbildung junger Anwälte. Weinberg sieht darin eine Chance, KI als leistungsstarkes Lerninstrument zu nutzen, das Junioranwälte in Echtzeit lehrt. Trotz des rasanten Wachstums plant Harvey keine weitere Großfinanzierung, da das Unternehmen profitabel und rechnerisch effizient arbeitet. Langfristig ist ein Börsengang im Fokus, aber ohne konkreten Zeitplan. Die Reise von einem ersten Rechtsassistenten zu einem der aufstrebendsten KI-Startups in Silicon Valley ist ein Paradebeispiel dafür, wie tiefgreifende technologische Veränderungen in traditionellen Branchen beginnen – und wie ein kühner E-Mail-Entschluss die Welt verändern kann. Industriebeobachter sehen in Harvey ein Musterbeispiel für die Zukunft der Rechtsindustrie: KI als kooperativer Partner, nicht als Ersatz. Die Fähigkeit, ethische und rechtliche Grenzen technisch zu überschreiten, macht das Unternehmen zu einem Pionier. Mit einer Wachstumsrate, die die meisten KI-Startups übertrifft, und einer klaren Vision, die Technologie und Ethik verbindet, könnte Harvey die Grundlage für eine neue Generation von Rechtsplattformen bilden. Die Fokussierung auf die Ausbildung und die Zusammenarbeit zwischen Kanzleien und Unternehmen unterstreicht, dass der Erfolg nicht nur in der Technik, sondern in der menschlichen Integration liegt.
