CEO Dario Amodei führt Anthropic per Essay-Debatten in Slack – ein mutiger, aber riskanter Ansatz.
Dario Amodei, CEO von Anthropic, führt das KI-Unternehmen durch ausführliche, essayartige Diskussionen in Slack – eine ungewöhnliche, aber bewusst gewählte Form der Führung. Statt traditioneller Meetings verfasst Amodei detaillierte Texte, in denen er strategische Entscheidungen, ethische Dilemmas oder langfristige Visionen erläutert. Diese Beiträge lösen in der internen Kommunikationsplattform oft längere Debatten aus, bei denen Mitarbeiter mit eigenen Essays antworten, kritisieren oder alternative Ansätze vorschlagen. Laut Sholto Douglas, Mitglied des Technical Staff bei Anthropic, dient diese Praxis nicht nur der Entscheidungsfindung, sondern auch als lebendiges Archiv der Unternehmensgeschichte. „Man kann zurückblättern und die Entwicklung von AGI hier verfolgen – das könnte in zehn Jahren eine der besten Quellen sein“, sagt Douglas. Die schriftliche Form ermöglicht es Mitarbeitern, die Gedankengänge des CEOs nachzuvollziehen, kritisch zu reflektieren und direkt mitzubestimmen, was die Kultur von Anthropic zu einer besonders reflektierten und transparenten unterscheidet. Experten sehen in diesem Ansatz sowohl Chancen als auch Risiken. André Spicer von der City, St George’s University of London begrüßt die kognitive Tiefe, die durch schriftliche Debatten gefördert wird, warnt aber vor „Analyseparalyse“ – einer Überlastung durch Diskussionen, die den Handlungsdruck schwächen. Cary Cooper von der University of Manchester sieht die Methode als möglicherweise distanzierend: „Ein Schreiben ersetzt nicht die menschliche Präsenz“, warnt er, und könne als Vermeidungsstrategie missverstanden werden, besonders wenn kritische Themen nicht im direkten Austausch angesprochen werden. Grace Lordan von der London School of Economics hingegen sieht darin eine starke Investition in intellektuelle Klarheit und Nachvollziehbarkeit. Sie betont, dass schriftliche Vorbereitung wertvoll sei, aber am effektivsten, wenn sie mit präzisen Live-Debatten und klaren, knappen Abschlussdokumenten kombiniert wird. Anthropics Ansatz steht im Kontrast zur typischen, schnelllebigen Kultur in Silicon Valley, wo Meetings oft kurz, reaktionsorientiert und hierarchisch sind. Hier dagegen entsteht ein kultureller Raum, in dem Gedanken reifen, Fehlentscheidungen reflektiert und Werte dokumentiert werden. Obwohl die Methode Zeit und kognitive Ressourcen verlangt, könnte sie langfristig ein Wettbewerbsvorteil sein – besonders in einem Bereich wie KI, wo ethische und strategische Klarheit entscheidend sind. Die Herausforderung liegt darin, Balance zu finden: zwischen tiefgründiger Reflexion und agiler Umsetzung. In einer Branche, in der Entscheidungen in Sekunden getroffen werden, könnte die Schreibkultur von Amodei ein Modell für verantwortungsvollere Führung sein – vorausgesetzt, sie wird nicht zur Blockade der Aktion.
