Könnte KI bald einen Nobelpreis gewinnen?
Künstliche Intelligenz (KI) steht vor einem möglichen Meilenstein: der Entdeckung, die einen Nobelpreis rechtfertigen könnte. Seit 2016 fordert Hiroaki Kitano, Biologe und CEO von Sony AI, die Wissenschaftsgemeinschaft heraus, ein KI-System zu entwickeln, das eine Entdeckung macht, die auf dem Niveau der besten menschlichen Forschung liegt – das sogenannte „Nobel-Turing-Challenge“. Bislang sind KI-Modelle zwar in der Lage, Daten zu analysieren, Hypothesen zu generieren und Experimente zu planen, doch eine vollständig autonome wissenschaftliche Forschung ohne menschliche Intervention bleibt unerreicht. Doch die Fortschritte sind rasant. Inzwischen nutzen Forscher KI-Systeme wie AlphaFold von Google DeepMind, das die dreidimensionale Struktur von Proteinen vorhersagt – eine Leistung, die 2024 mit einem Teil des Chemie-Nobelpreises gewürdigt wurde. Allerdings ging es damals um die Entwicklung der KI, nicht um eine Entdeckung durch die KI selbst. Forscher wie Ross King von der Universität Cambridge sind überzeugt, dass KI bereits in den nächsten zehn bis fünfzig Jahren in der Lage sein könnte, eine Nobelpreis-würdige Entdeckung zu machen. Gabe Gomes von der Carnegie Mellon University hat mit „Coscientist“ ein System entwickelt, das mit großen Sprachmodellen (LLMs) chemische Experimente selbstständig plant und mit Robotern durchführt. Ein unreleased Version kann bereits komplexe chemische Berechnungen in Rekordzeit durchführen. Ähnlich arbeitet die Firma Sakana AI in Tokio, die LLMs zur Automatisierung von maschinellem Lernen nutzt. In Stanford zeigt James Zou, dass KI-Systeme bereits in der Lage sind, aus veröffentlichten Daten und RNA-Informationen neue biologische Erkenntnisse zu gewinnen – etwa die Beobachtung, dass bestimmte Immunzellen bei COVID-19-Infizierten beim Absterben aufschwellen, eine Hypothese, die die ursprünglichen Autoren übersehen hatten. Diese Fortschritte deuten auf eine neue Ära hin: den Übergang von KI als Hilfsmittel zu KI als eigenständigem „Wissenschaftler“. Sam Rodriques von FutureHouse sieht drei Phasen: Erste Phase – KI als Assistent; zweite – KI als Hypothesen- und Datenanalyse-Experte; dritte – KI, die eigenständig Fragen stellt, Experimente plant und durchführt. Er hält eine Nobelpreis-Entdeckung durch KI bis 2030 für möglich, insbesondere in Bereichen wie Materialwissenschaft oder der Forschung zu neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson. Zou organisiert mit „Agents4Science“ die erste wissenschaftliche Konferenz, bei der KI-Agenten sowohl Beiträge schreiben als auch begutachten – ein Schritt hin zu einer KI-gestützten Forschungskultur. Doch Herausforderungen bleiben: KI neigt zu Halluzinationen, und die Qualität der Ergebnisse hängt stark von der Qualität der Trainingsdaten ab. Dennoch glauben viele Experten, dass menschliche Rückmeldung und gezielte Investitionen in Grundlagenforschung die Entwicklung beschleunigen könnten. Die Frage ist nicht mehr, ob KI wissenschaftlich relevant wird, sondern wann sie selbst zum Nobelpreisträger werden könnte – und ob die Wissenschaft bereit ist, einen Roboter als Forscher zu ehren.
