AI-Tutoren unterstützen Lernprozesse – ohne Denken zu übernehmen
In den Klassenräumen von Harvard experimentieren Professor:innen Greg Kestin und Kelly Miller mit künstlicher Intelligenz, um Lernprozesse zu unterstützen – nicht, um Aufgaben zu übernehmen, sondern um echtes Verständnis zu fördern. Ihr Ansatz: AI-Tutor-Bots, die Studierende in komplexen Fächern wie „Physical Sciences 2“ individuell begleiten. Im Gegensatz zu herkömmlichen Unterrichtsformen, bei denen viele Studierende passiv zuhören und kaum Rückmeldung erhalten, ermöglicht der Bot eine selbstgesteuerte Lernphase zu Hause. Die Studierenden lernen die Grundlagen über den Bot, stellen dann in der Präsenzveranstaltung gezielt Fragen – ein Modell, das als „flipped classroom“ bekannt ist. Die Ergebnisse einer Studie aus dem Herbst 2023 zeigen: Die Studierenden in der AI-gestützten Gruppe waren deutlich engagierter, motivierter und berichteten von einem tieferen Verständnis der Inhalte. Ein zentraler Erfolgsfaktor liegt in der personalisierten Interaktion. Der Bot, entwickelt von Kestin anhand der Kursinhalte und spezifischer Anweisungen zur Antwortformulierung, passt sich den Lerngeschwindigkeiten und Schwächen der Studierenden an. Er gibt keine fertigen Lösungen, sondern Hinweise, visuelle Erklärungen oder generiert Übungsfragen – so wird kritisches Denken gefördert, nicht ersetzt. „Wenn man ChatGPT einfach als Werkzeug zum Abschreiben nutzt, leidet die Lernwirkung“, warnt Kestin. Stattdessen soll die KI wie ein Taschenrechner im echten Leben funktionieren: als Hilfsmittel, nicht als Ersatz für Denken. Harvard hat die Entwicklung weiter vorangetrieben: Im Sommer 2024 wurde der HUbot und der AI-Assistent PingPong eingeführt, an der Harvard Business School gibt es bereits einen maßgeschneiderten Tutor-Bot für das Fach „Financial Reporting and Control“. Auch in Mathematik-Kursen wie Math 21A wird der Einsatz von KI-Unterstützung getestet. Die Forschung von Kestin und Miller konzentriert sich nun darauf, welche Art von Interaktionen zwischen Studierenden und Chatbots am wirksamsten sind – etwa, wie präzise Hinweise formuliert werden müssen, um das Lernen zu optimieren. Langfristig soll untersucht werden, ob solche Tools die Studienabbruchquote senken und die Lernergebnisse nachhaltig verbessern. Industrieexperten sehen in diesem Ansatz eine vielversprechende Wende: „Die Herausforderung ist nicht, KI zu verbieten, sondern sie sinnvoll zu integrieren“, sagt eine Bildungstechnologie-Expertin. Die Erfolge an Harvard zeigen, dass KI, wenn sie als Lernpartner statt als Lösungsservice eingesetzt wird, das Potenzial hat, die individuelle Förderung in großen Kursen realistisch zu machen. Kestin betont, dass der Fokus auf „Lernkultur“ und nicht auf Leistungsdruck liegen muss. Die nächste Generation von KI-Tutoren könnte nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch die Fähigkeit stärken, selbstständig und kritisch zu denken – ein zentrales Ziel des modernen Bildungssystems.
