AI verändert die Programmierung: Entwickler arbeiten zunehmend mit natürlicher Sprache im Terminal.
Ryan Salva, Google’s project manager for developer tools, steht an der Spitze der Transformation, die künstliche Intelligenz in die Softwareentwicklung bringt. Mit Erfahrung bei GitHub und Microsoft verantwortet er heute Tools wie Gemini CLI und Gemini Code Assist, die Entwickler in Richtung agenter Programmierung führen – also eine Art, bei der KI nicht nur Code schreibt, sondern auch Aufgaben planen, ausführen und überprüfen kann. Sein Team veröffentlichte kürzlich eine neue Studie, die zeigt, wie Entwickler tatsächlich mit KI-Tools umgehen – und welche Herausforderungen noch bestehen. Ein zentrales Ergebnis der Forschung: Der Median der Zeit, zu der Entwickler erstmals KI-Tools nutzten, lag im April 2024 – genau zur Einführung von Claude 3 und Gemini 2.5. Diese Modelle markieren den Beginn der „reasoning“-ähnlichen KI, die komplexe Probleme schrittweise lösen kann. Besonders entscheidend war dabei die Verbesserung der Tool-Calling-Fähigkeit: KI-Modelle können nun externe Werkzeuge nutzen – wie das Ausführen von Tests, Compilieren oder Suchen in Dateien – und so selbstständig korrigieren, wenn etwas schiefgeht. Für die Programmierung ist das entscheidend: Ohne Zugriff auf externe Systeme bleibt die KI eine reine Textgeneriermaschine. Salva nutzt die Tools selbst intensiv – vor allem für private Projekte über die Kommandozeile. Er setzt Gemini CLI, Claude Code und Codex ein, wechselt aber zwischen verschiedenen IDEs wie Zed, VS Code, Cursor und Windsurf, um die Entwicklung der Branche zu beobachten. Professionell hilft ihm KI vor allem bei der Erstellung von Spezifikationen: Ein unklarer GitHub-Issue wird zunächst mit Gemini CLI in eine detaillierte, technische, aber zielorientierte Dokumentation umgewandelt. Diese wird dann als Input für die Codeerstellung genutzt. Dabei berücksichtigt die KI auch interne Dokumente des Teams – wie Teststrategien oder Abhängigkeitsmanagement –, sodass der generierte Code den Standards entspricht. Während des Prozesses aktualisiert Gemini CLI automatisch die Spezifikation, dokumentiert Fortschritte und erstellt eigene Commits und Pull Requests. So entsteht ein nachvollziehbarer, versionierter Workflow. Salva verbringt etwa 70 bis 80 Prozent seiner Zeit in der Terminal-Umgebung, formuliert Anfragen in natürlicher Sprache und lässt die KI den Großteil des Codes schreiben – den er dann in einer IDE liest und überprüft, aber nicht mehr selbst schreibt. Obwohl die IDE weiterhin wichtig bleibt, deutet sich eine Verschiebung an: Die Zukunft der Entwicklung könnte weniger auf dem Schreiben von Code basieren, sondern mehr auf dem Definieren von Anforderungen und der Architektur komplexer Systeme. Entwickler werden eher wie Architekten agieren – große Probleme in kleinere Aufgaben zerlegen, den Überblick behalten und sicherstellen, dass die KI die richtigen Schritte macht. Einige befürchten, dass KI die Rolle des Entwicklers überflüssig macht. Salva sieht das anders: Die Arbeit wird nicht verschwinden, sondern sich verändern. Der Fokus rückt von der syntaktischen Präzision auf die strategische Planung, das Verständnis von Systemen und die Fähigkeit, KI effektiv zu steuern. In 10 Jahren wird man vielleicht nicht mehr direkt in Code schreiben – aber der Entwickler wird weiterhin unverzichtbar sein, als „Überwacher, Planer und Entscheider“. Die Branche steht an einem Wendepunkt: KI ist kein Ersatz, sondern ein Werkzeug, das die Art und Weise, wie wir Software bauen, grundlegend verändert. Und wer diese Veränderung mitgestaltet, wird in Zukunft besonders wertvoll sein.
