AI-Genutzung im Job: Mitarbeiter schneiden Arbeitszeit ein – bis der Chef nachzieht
Noah Olsen, ein 21-jähriger Softwareentwickler aus Ohio, nutzte künstliche Intelligenz (KI), um etwa die Hälfte seiner Arbeitsaufgaben ohne Wissen seines Arbeitgebers zu erledigen. Über fast zwei Jahre hinweg verbrachte er nur etwa 20 von 40 Wochenstunden mit echter Arbeit, während er den Rest der Zeit Reddit durchstöberte oder YouTube anschaute. Stattdessen überließ er Aufgaben wie Codeerstellung und Dokumentation KI-Tools wie Cursor oder Claude Code, die er kopierte und einsetzte, um Ergebnisse zu generieren, die wie eigenständige, hochwertige Arbeit aussahen. Sein Fall offenbart eine zunehmend verbreitete, aber wenig transparente Entwicklung: Viele Mitarbeiter nutzen KI, um ihre Produktivität zu steigern – oft ohne Offenlegung. Eine globale Umfrage von KPMG und der Universität Melbourne unter über 30.000 Arbeitnehmern ergab, dass 57 % KI im Job nicht transparent einsetzten, darunter das Verbergen von KI-Unterstützung oder das Präsentieren von KI-Arbeit als eigenes Werk. Experten wie Glenn Hopper, KI-Berater aus Memphis, sprechen von einem „Arbitrage-Opportunität“ für KI-geübte Mitarbeiter: Während Kollegen noch mit manueller Arbeit kämpfen, liefern KI-gestützte Mitarbeiter schneller und ansprechender Ergebnisse – oft ohne dass der Unterschied erkennbar ist. Auch Matt Martin, CEO von Clockwise, betont, dass KI die Arbeitsweise vieler Ingenieure radikal verändert hat. Eine McKinsey-Studie zeigt, dass heute bereits 57 % der US-Arbeitsstunden durch KI-Agenten und Roboter übernommen werden könnten. Doch mit der Steigerung der Effizienz kommt auch die Gefahr von Fehlern – sogenannten „Halluzinationen“ –, die sorgfältige Überprüfung erfordern. Andrew Sobko von Argentum AI warnt: Sobald KI-Verwendung allgemein verbreitet ist, wird der Wettbewerbsvorteil verschwinden. Doch aktuell sind viele Unternehmen noch in der Experimentierphase – laut McKinsey befinden sich zwei Drittel in der Pilotphase, wobei große Unternehmen mit mehr als 5 Milliarden Umsatz deutlich weiter vorangekommen sind als kleinere. Experten wie Dan Kaplan von ZRG fordern, dass Unternehmen KI-Produktivitätssteigerungen fördern und transparente Nutzung belohnen sollten – etwa durch Auszeichnungen. Doch für Olsen endete die Phase der „KI-Entlastung“ im Sommer, als sein Arbeitgeber einen KI-Spezialisten einstellte, der die gesamte Abteilung auf die gleichen Tools umstellte. Danach wurde er aufgefordert, die freien Stunden mit zusätzlichem Arbeitsaufwand zu füllen. Im September kündigte er und reiste zwei Monate nach China, bevor er als Freelancer für ein europäisches Unternehmen arbeitete – dort, so sagt er, sei noch niemand auf seine KI-Nutzung aufmerksam geworden. „Wenn du nicht bei einem der fortschrittlichsten Unternehmen bist, kannst du mit KI viel Arbeit erledigen“, sagt er. Doch: „Wer weiß, wie lange das noch so bleibt.“ Industrielle Beobachter warnen vor einer möglichen Veränderung der Arbeitskultur: Während KI heute noch einen Wettbewerbsvorteil bietet, wird er bald zur Norm. Unternehmen, die KI nicht frühzeitig integrieren, riskieren, hinterherzuhinken. Gleichzeitig entsteht ein Spannungsfeld zwischen individueller Effizienz und organisatorischer Transparenz. Die Zukunft der Arbeit könnte weniger von der Menge der geleisteten Stunden, sondern von der intelligente Nutzung von Tools bestimmt werden – vorausgesetzt, sie wird gemeinsam und verantwortungsvoll gestaltet.
