Künstliche Intelligenz gefährdet Arbeitsfähigkeiten
Künstliche Intelligenz (KI) wird von vielen Unternehmen als Werkzeug zur Steigerung der Produktivität gefeiert, doch eine Warnung aus der Philosophie kommt nun aus einer unerwarteten Ecke: Die Technologie könnte langfristig die Kompetenzen der Arbeitnehmer untergraben. Anastasia Berg, Assistenzprofessorin für Philosophie an der University of California, Irvine, warnt in einem Gespräch im Podcast „The Philosopher“ vor einer „Deskilling-Welle“, die durch übermäßigen KI-Einsatz entsteht. Laut Berg führt die ständige Abhängigkeit von KI-Tools dazu, dass Mitarbeiter grundlegende Fähigkeiten verlieren – nicht nur im Beruf, sondern auch im Alltag. Ihre Aussagen basieren auf empirischen Beobachtungen und Gesprächen mit Kollegen aus verschiedenen Branchen, die berichten, dass sich bei jüngeren Mitarbeitern eine deutliche Fähigkeitslücke entwickelt. Besonders betroffen sind Nachwuchskräfte: Ob in der Informatik, im Journalismus oder im Management – junge Fachkräfte nutzen KI von Beginn an, um Aufgaben zu erledigen, ohne die zugrundeliegenden Prozesse zu verstehen. So lernen angehende Entwickler beispielsweise nicht mehr selbst, Code zu schreiben oder Fehler zu debuggen, weil sie auf KI-Tools wie GitHub Copilot oder ChatGPT zurückgreifen. „Ein erfahrener Programmierer kann KI sinnvoll nutzen“, sagt Berg, „aber ein Junior ist hilflos, wenn er darauf angewiesen ist.“ Ohne die notwendige Praxis und Reflexion verlieren diese Mitarbeiter nicht nur die Fähigkeit, eigenständig zu arbeiten, sondern auch die Grundlagen, um KI-Ausgaben kritisch zu prüfen. Auch außerhalb des Arbeitsplatzes wächst die Abhängigkeit: Laut einer Analyse von 1,58 Millionen ChatGPT-Nutzungssitzungen bis Juni 2025 waren 73 % der Nachrichten von Erwachsenen nicht arbeitsbezogen. Stattdessen nutzen sie KI für emotionale Unterstützung, Entscheidungsfindung, soziale Interaktionen und alltägliche Planung. Dies, so Berg, schwächt die kognitiven Fähigkeiten, die für kritisches Denken, Problemlösung und Selbstständigkeit unerlässlich sind. Der Kern der Kritik liegt darin, dass KI nicht nur Aufgaben automatisiert, sondern auch die Lernprozesse, die zu Kompetenz führen. Durch das Wegfallen von „Reibung“ – also der Herausforderung, selbst zu denken und zu handeln – werden die kognitiven Muskeln der Arbeitnehmer schwächer. Wenn Unternehmen weiterhin KI als alleiniges Effizienzinstrument einsetzen, riskieren sie, eine Generation von Mitarbeitern zu schaffen, die auf Papier produktiv erscheinen, aber ohne digitale Unterstützung nicht funktionieren können. Industrieexperten sehen in Bergs Warnung eine dringende Diskussionsbedarf. „Wir müssen zwischen Effizienz und Kompetenz unterscheiden“, sagt ein KI-Experte von der ETH Zürich. „Die Frage ist nicht, ob KI hilft, sondern ob sie uns auch weiterentwickelt.“ Unternehmen wie Google und Microsoft setzen bereits auf KI-Training und „AI Literacy“-Programme, um die Abhängigkeit zu reduzieren. Doch wie effektiv diese Maßnahmen sind, bleibt offen. Die Gefahr bleibt: KI könnte nicht nur die Arbeitswelt verändern, sondern langfristig die menschliche Fähigkeit, eigenständig zu denken, untergraben.
