AI transformiert Beratung: Von der Pyramide zur schmalen Obelisk-Struktur
Harvard Business Review hat mit dem Bild des „Obelisken“ eine prägnante Metapher für die Transformation der Beratungsbranche im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz vorgestellt: Statt des traditionellen pyramidenförmigen Aufbaus, bei dem zahlreiche Einsteiger die Arbeit für wenige Partner erledigten, entsteht nun ein schlanker, senkrecht ausgerichteter Organisationsmodell. In diesem neuen Setup übernimmt KI die repetitiven, datenintensiven Aufgaben – von der Erstellung von Präsentationen bis hin zur Analyse großer Datenmengen – während sich die menschliche Expertise auf strategische Beratung, Kontextverstehen und Entscheidungsunterstützung konzentriert. Die Folge: schnellere Lieferzeiten, höhere Qualität und eine stärkere Fokussierung auf Wertschöpfung. HBR hat recht damit, dass die KI bereits die Basis der alten Struktur untergraben hat. Firmen wie McKinsey und BCG haben bereits eigene KI-Tools wie „Lilli“ oder „Deckster“ eingeführt, die nicht nur Effizienz steigern, sondern auch die Rolle der Berater verändern. Junge Berater müssen nicht mehr Stunden mit der Formatierung von Folien verbringen, sondern können sich auf die Interpretation von Ergebnissen und die Kommunikation von Strategien konzentrieren. Diese Verlagerung ist kein Zukunftsszenario – sie ist bereits heute Realität. Doch die Metapher des Obelisken reicht nicht aus, um die tiefgreifende Umstrukturierung zu beschreiben, die tatsächlich nötig ist. Denn die wahre Herausforderung liegt nicht in der Organisation, sondern in den zugrundeliegenden Systemen: Datenqualität, Governance, interne KI-Infrastruktur und die Anreizsysteme für Mitarbeiter. Ohne diese Fundamente droht der Obelisk zu kippen. Viele Beratungshäuser haben zwar KI-Tools implementiert, aber oft in siloartigen Projekten, ohne ein zentrales Daten- oder KI-Management. Die Folge: inkonsistente Ergebnisse, hohe Abhängigkeit von einzelnen Experten und Schwierigkeiten bei der Skalierung. Zudem fehlt oft ein klares Verständnis dafür, welche Aufgaben tatsächlich durch KI ersetzt werden können – und welche nicht. KI ist kein Allheilmittel für kreative Problemlösung oder emotionale Intelligenz. Die menschliche Beratung bleibt unverzichtbar, wenn es um das Verstehen komplexer Unternehmenskontexte, die Navigation von Widerständen oder die Entwicklung von Visionen geht. Die neue Rolle der Berater ist daher nicht weniger, sondern anders: Sie müssen KI als Werkzeug beherrschen, aber auch in der Lage sein, ihre Ergebnisse kritisch zu hinterfragen und ethisch verantwortlich zu nutzen. Um diesen Wandel erfolgreich zu gestalten, braucht es mehr als technische Tools. Es bedarf einer Kulturwende: von einer Kultur der Quantität hin zu einer der Qualität, von einer Hierarchie der Aufgaben hin zu einer der Verantwortung. Unternehmen müssen Investitionen in Dateninfrastruktur, KI-Compliance, Schulungen und eine klare KI-Strategie tätigen. Und sie müssen neue Messgrößen einführen – nicht mehr nur „Anzahl der Präsentationen“, sondern „Wirkung der Empfehlungen“ oder „Kundenvertrauen in KI-gestützte Lösungen“. In der Branche wird bereits ein Paradigmenwechsel sichtbar: Von der Beratung als Dienstleistung zur Beratung als Ko-Kreation mit KI. Führende Häuser wie Accenture, Deloitte und EY setzen bereits auf KI-Integration in der Beratung, aber auch hier bleibt die Umsetzung uneinheitlich. Die Zukunft gehört nicht dem, der am meisten KI einsetzt, sondern dem, der am besten weiß, wann und wie sie eingesetzt werden muss. Die Transformation der Beratung ist kein technischer, sondern ein organisatorischer und kultureller Prozess. Die Obelisk-Metapher ist ein guter Anfang – doch der wahre Erfolg hängt davon ab, ob die Branche die Systeme hinter dem Bild wirklich neu baut.
