Höhere Zinsen treiben die Jobmarktschwäche – nicht KI
Die derzeitige Schwäche des Arbeitsmarktes in den USA wird häufig auf Künstliche Intelligenz (KI) zurückgeführt – doch laut Experten wie Gbenga Ajilore, Chefökonom beim Center for Budget Policy and Priorities, ist die Realität komplexer und weitgehend anders begründet. Während ChatGPT und andere KI-Tools in vielen Unternehmen eingeführt werden, um Produktivität zu steigern, ist deren Einfluss auf die Beschäftigung bislang überbewertet. Stattdessen sind strukturelle wirtschaftliche Faktoren wie hohe Zinsen, anhaltende Inflation, restriktive Handelspolitik und sinkende Arbeitskräftebeteiligung die Hauptursachen für die stagnierende Beschäftigungsentwicklung. Die Zahl der offenen Stellen ist seit 2022 deutlich zurückgegangen, während die Langzeitarbeitslosigkeit steigt und junge Menschen sowie ältere Arbeitnehmer zunehmend Schwierigkeiten haben, Fuß zu fassen oder sich aus dem Berufsleben zurückzuziehen. Besonders betroffen sind weiße-Kragen-Berufe – ein Phänomen, das als „weiße-Kragen-Rezession“ beschrieben wird. Ein besonders populäres Argument gegen die KI ist der sogenannte „schrecklichste Chart der Welt“, der zeigt, dass sich die Entwicklung des S&P 500 und der offenen Stellen seit 2022 auseinanderentwickelt haben – genau zeitlich mit dem Launch von ChatGPT. Doch dieser Zusammenhang ist irreführend: Gleichzeitig stiegen die Leitzinsen der Federal Reserve dramatisch von unter 2 % auf über 5 Prozent. Diese Zinserhöhungen, eingeleitet, um die Inflation zu bekämpfen, erhöhen die Finanzierungskosten für Unternehmen massiv. Unternehmen schneiden Budgets ab, verzögern Investitionen und reduzieren Personal – nicht wegen KI, sondern wegen höherer Zinskosten. Die Beige Book-Reports der Fed zeigen, dass Unternehmen bereits ab 2022 zunehmend von „hohen Zinsen“ und „Inflation“ als Hemmnis für Hiring berichteten. Unternehmen nutzen KI oft als Marketinginstrument, um Investoren Hoffnung zu machen, statt sie als echten Produktivitätsfaktor einzusetzen. CEOs von Tech-Giganten wie Meta, Amazon oder Microsoft sprechen von „Effizienzsteigerungen“ und „Rightsizing“, während die tatsächlichen Gründe in der verschärften Finanzlage liegen. Auch in der Immobilienbranche, wo die Sensibilität gegenüber Zinsen besonders hoch ist, zeigen sich deutliche Rückgänge in der Beschäftigung. Gleichzeitig verschärfen sich durch Handelszölle und sinkende Einwanderung durch politische Maßnahmen wie die Abschiebepolitik von Donald Trump die strukturellen Herausforderungen für den Arbeitsmarkt. Ökonomen wie Scott Lincicome vom Cato Institute betonen, dass technologische Umbrüche wie die Einführung von Computern oder dem Internet immer Jahre dauerten, bevor sie tiefgreifende Beschäftigungswirkungen zeigten. KI wird zwar bestimmte Aufgaben automatisieren – etwa in Call-Centern oder Buchhaltung – doch menschliche Urteilskraft, Kreativität und Entscheidungsfindung bleiben weitgehend unersetzlich. Die Angst vor einem „KI-Übernahme“ sei daher übertrieben. Die Fed selbst bleibt vorsichtig: Trotz drei Zinssenkungen in diesem Jahr bleibt die Wirtschaft unsicher. Die Zinserwartungen für 2026 sind gesenkt, und innerhalb der Fed herrscht Uneinigkeit über die richtige Strategie. Die wahre Herausforderung liegt nicht in den Robotern, sondern in der makroökonomischen Lage – und vor allem in den Entscheidungen von Jerome Powell und seinem Ausschuss. Bewertung: Experten halten die KI als Schuldigen für eine Überreaktion. Die wahre Ursache liegt in einer langfristigen Verschärfung der Finanzbedingungen und struktureller Probleme wie Zölle und Einwanderung. Unternehmen nutzen KI als „Rettungsanker“ für ihre Bilanzen, während die Arbeitslosigkeit weiterhin unter den Folgen hoher Zinsen leidet. Langfristig wird KI zwar Arbeitsplätze verändern – doch derzeit ist sie eher ein Symptom als eine Ursache der Krise.
